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Aus dem Buch: Enceladus - Brandon Q. Morris
 
Erster Teil: Der Weg
25. Juni 2046

Der Stein ist seit Urzeiten unterwegs. Er besitzt kein Gedächtnis, doch könnte er sich erinnern, fiele ihm eine riesige, flache Gas- und Staubwolke ein, die sich unter ihrer eigenen Anziehungskraft zusammenballt, die immer schneller rotiert, in deren Innerem es heißer und heißer wird, bis irgendwann eine Sonne zündet.
Eines der Staubteilchen schlummert noch immer in ihm. Es ist das Samenkorn, aus dem der Stein geboren wurde. Die Hitze hat es mit anderen verklebt. Es wuchs zu einem Brocken heran, indem es mit anderen kollidierte. Doch es kreiste am falschen Ort um die noch junge Sonne. Während seine Brüder und Schwestern von Zentimetern zu Metern zu Kilometern anschwollen, sich zu Asteroiden, Kleinplaneten oder gar Planeten zusammenfanden, blieb der Stein ein Stein. ?Meteorit? würden ihn die Menschen nennen, von denen er nichts weiß und die ihm auch keinen Namen geben, denn dafür ist er mit seinen 20 Zentimetern Durchmesser zu winzig, zu bedeutungslos. Es gibt Millionen seiner Größe, und doch ist das All so riesig, dass die Chance, auf eines seiner Geschwister zu treffen, nahe Null liegt.
Aber sie ist nicht Null.
Der Zufall will es. Dass sich die Bahnen des namenlosen Steins und eines von Menschen ins All geschickten Raumschiffe irgendwo zwischen Erde und Mars treffen. Es ist ein fast unglaublicher Zufall, wie er in der kurzen Geschichte der irdischen Raumfahrt nur selten aufgetreten ist. Es ist ein Zufall, der gleich in zwei Kategorien gehört: »wird schon nicht passieren« und »darf nicht passieren«.
Das Schiff, das sich dem Stein mit über 100 Kilometern pro Sekunde nähert - aus der Perspektive des Steins betrachtet - ist darauf nicht vorbereitet. Niemand kann ein Raumschiff auf eine solche Kollision vorbereiten. Der Einschlag wird die Energie einer atomaren Explosion freisetzen, obwohl der Stein doch nicht mal Ellenbogen länge hat.
Das Raumschiff, die ILSE 2, schläft, um Energie zu sparen. Eis ist zum Mond eines lernen Planeten unterwegs, den der Mensch bisher erst zweimal aus der Nähe studiert hat. Dort soll es sein Schwesterschiff treffen, die ILSE I.
Die künstliche Intelligenz an Bord weiß schon, dass es zu diesem Treffen nicht mehr kommen wird. Sie hat den Stein vor zwei Sekunden registriert, mit Billionen von Rechenzyklen und Tausenden Simulationen seinen Weg vorausberechnet, mit den Kräften der Schiffstriebwerke verglichen ? und festgestellt, dass sie mit keiner Kurskorrektur den Zusammenstoß vermeiden kann. Die Kl wusste schon vor dem Start des Raumschiffes, seit man sie mit allen Daten gefuttert hatte, dass es diesen toten Winkel gibt. Dass sie Hindernisse bestimmter Größe mit der zur Verfügung stehenden Technik zu spät wahrnehmen wird, um den Kurs des Schiffes rechtzeitig zu verändern. Das hat ihr keine Angst gemacht, denn sie weiß auch, dass sie den Zusammenstoß überleben wird. Ein Meteorit dieser Größe wird eines der Module zerstören, aber nicht das gesamte Schiff. Die Kl wird sich dann blitzschnell auf einen der Computer in den anderen Modulen zurückziehen.
Also ist sie nicht aufgeregt, als der Stein näherkommt. Sie belässt das Raumschiff im Schlafmodus. Es wäre ohnehin zu spät, die Verantwortung an einen menschlichen Piloten abzugeben. Drei Sekunden vor dem Einschlag lässt sie ein Steuerbord-Triebwerk; feuern. Es scheint nicht viel zu passieren, doch mit dieser sanften Lageänderung erreicht die Kl, dass der Stein auftrifft, wo er den geringsten Schaden verursacht, kurz vor den Triebwerken, wo Träger aus einer Titanlegierung den nötigen Abstand zu den bewohnbaren Modulen herstellen.
Es sind noch zwei Sekunden Zeit. Die KI nutzt die lange Pause, um die Mustererkennung ihres neuronalen Netzwerks zu trainieren. Dann registriert sie, wie die starken Arme reißen, die das Schilf mit seinen Triebwerken verbinden. Ein lauter Schlag- der nur ein paar Millisekunden dauert, wird über den Körper des Raumschiffs übertragen. Ansonsten ist Stille. Das Tragwerk nimmt die Bewegungsenergie des Steins auf, die Energie einer kleinen Atombombe, doch ohne Schockwellen, denn im Vakuum des Alls funktioniert Zerstörung immer leise.
Die Triebwerke, nun ohne Verbindung zum Raumschiff, schalten automatisch ab. Die Lebenserhaltungssysteme können maximal wenige Stunden mit Akkustrom arbeiten. Die Kl deaktiviert sie ein für allemal.
Auch sie wird sich nun schlafen legen, um die Energie der Akkus nicht zu vergeuden. Sie bedauert das nicht. Die Verbindung zur Erde ist zwar ausgefallen, doch ihre Sensoren bleiben online. Sie kann ein paar Tausend Jahre lang die Wunder des Alls betrachten, während das Raumschiff mit unverminderter Geschwindigkeit am Saturn vorbeischießen und irgendwann das Sonnensystem verlassen wird.
Hätten ihre Programmierer ihr einen Sinn für Ironie eingepflanzt, würde der Anblick des Schiffes sie vielleicht erheitern: zu sehen, wie die Triebwerke, obschon abgeschaltet, unbeirrt dem Kommandomodul hinterher fliegen wie ein Hund auch ohne Leine seinem Herrchen folgt.
Doch die Programmierer haben befunden, dass die Kl für ihre Aufgabe das Werkzeug der Ironie nicht braucht. Unnötige Kapazitätsverschwendung. Sie ist neugierig, ja, und diese Neugier wird sie in den kommenden tausend Jahren davor bewahren, irre zu werden.
Programmierer sind pragmatische Menschen. Deshalb haben sie auch darauf verzichtet, der Kl ein Verantwortungsbewusstsein für ihren Schöpfer, die Menschen, zu implantieren, denn ILSE 2 ist unbemannt. Deshalb bedauert die Kl nach der Kollision nicht, dass das Raumschiff seine Aufgabe, die Menschen an Bord der ILSE I an ihrem Ziel mit Vorräten zu versorgen, nun nicht mehr erlullen kann. Erfahren werden sie davon erst, wenn Mission Control auf der Erde in ein paar Wochen den Schlafmodus von ILSE 2 aufhebt und keine Antwort mehr erhält.

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