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Aus dem Buch: Wer der Herde folgt sieht lauter Ă„rsche - Hannes Jaenicke
 
?Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom? lautet eine gern zitierte indianische Weisheit gegen Herdentrieb und Mitläufer.

Diesen Spruch gab es in den 70ern als Bumper-Sticker, und er leuchtete mir ein. Er passte zwar nicht unbedingt ins gestrenge deutsche Schulsystem, aber umso besser zu dem zahlreichen, bestialisch stinkenden Fischsterben, das meine Jugend an diversen Flüssen begleitete und dazu führte, dass das Ruder-Training im Zweier oder Vierer gelegentlich ausfiel.

Gegen den Strom zu schwimmen schien mir also erstrebenswert, ähnlich wie unvernünftig zu sein. Aus dem Mund meiner Eltern klang ?vernünftig? immer wie ?tot?, nur eben vorher. Und es erschien mir in etwa so attraktiv, wie mit toten Fischen im Rhein, Main oder Ohio flussabwärts zu treiben.

Was aber sowohl meine Eltern als auch die weisen Indianer beflissentlich verschwiegen, war die Tatsache, wie viele angepasste, mittelmäßige Langweiler einem entgegenkommen, wenn man tatsächlich versucht, gegen den Strom zu schwimmen, querzudenken, eigensinnig zu sein. Und wie anstrengend das sein kann, wie undankbar, einsam, manchmal sogar gefährlich. Aber eben auch befreiend und befriedigend: Ein Drachen oder Flugzeug startet auch nicht mit, sondern gegen den Wind.

Ausgewachsene Lachse beispielsweise, um bei Fischen zu bleiben, verbringen ihr Leben damit, gegen den Strom zu schwimmen. Dass sie nach ihrer mühsamen Reise vom Ozean die Flüsse und Stromschnellen hinauf bis zur Quelle und zu Laichplätzen überhaupt lebend ankommen, ist ein Wunder (es schaffen nicht viele). Kein Wunder ist, dass sie nach Ankunft, Paarung und Ablaichen im Herbst völlig erschöpft im seichten Wasser nahe der Quelle verenden, was wiederum die Nahrungsgrundlage für den im kommenden Frühjahr schlüpfenden Nachwuchs ist.

Der Lachs ist in meinen Augen ein gutes Beispiel sowohl für gesunden Herdentrieb als auch für das krasse Gegenteil. Wilde Lachse verbringen in etwa vier Jahre im Meer, um groß und stark genug zu werden für die strapaziöse Flusswanderung.

Ein Farm-Lachs, zum Herdendasein gezwungen, schafft diese sogenannte ?Marktgröße? dank Mästung und Hormonbehandlung in vier Monaten. Aber anstatt auf große Reise zu gehen, die zunächst mit Abenteuern, am Schluss mit Sex und Familiengründung belohnt wird, lebt der gefarmte Lachs in engen Gehegen, in denen er sich nicht bewegen kann, und wird entsprechend fett, krank und permanent medikamentös behandelt. Kein schönes Leben, unserem leider nicht unähnlich. Und wenig später liegt er als vermeintliche Delikatesse in Plastik eingeschweißt zum Niedrigstpreis im Supermarkt-Regal und wird uns als Omega-3-reiches Superfood angepriesen. (Das bleibt uns immerhin erspart.)

Im Gegensatz zum Lachs haben wir den Luxus oder auch die Qual der Wahl, ob unser Leben eine Abenteuerreise in Freiheit wird oder ein zwar sicheres, aber beengtes, sterbenslangweiliges, gegen Überfettung kämpfendes Dahinsiechen. Und wer beim stromaufwärts Schwimmen mal nach rechts und links guckt, wird immer wieder spannende Gleichgesinnte treffen, vermutlich ein Stück der Reise gemeinsam tun und ansonsten frei schwimmend und springend versuchen, die Quelle bzw. den Laichgrund zu erreichen.

Wer ?mit? dem Strom schwimmt, begegnet diesen Abenteurern nur für kurze Augenblicke im Gegenverkehr, ansonsten sieht er lebenslänglich nur Schwanzflosse und Anus des Vordermanns.

Im Tierreich bietet die Herde den Jungen, Alten und Schwachen Schutz, Nahrung und Sicherheit. Die Leittiere sind in der Regel die erfahrensten, intelligentesten, stärksten Tiere, egal ob bei Elefanten, Walen, Gnus, Wasserbüffeln oder Zugvögeln. Das macht Sinn, auch unter uns Zweibeinern, die sich gern und unnachahmlich arrogant für die Krone der Schöpfung halten.

Erstaunlich ist nur, welchen Leittieren wir gelegentlich folgen. Da unterscheiden wir uns von der tierischen Verwandtschaft: Die wird nur dann von unfähigen Anführern geleitet, wenn das Leittier umgekommen oder verletzt ist. Beispiele wären junge Elefantenkühe, die eine Herde übernehmen müssen, weil die Leitkuh Elfenbein-Wilderern zum Opfer gefallen ist. Oder Wale, deren Gehörgang und Orientierung durch Ölbohrungen beschädigt wurden und die deshalb Anstrandungen der ganzen Herde verursachen. (Der Homo sapiens dagegen wählt freiwillig Berlusconi, Putin, Orbán, Kaczynski, Erdogan, Trump und wundert sich dann über die fatalen Folgen.)

Seit ich Umwelt- bzw. Tier-Dokus drehe und mich mit dem allgegenwärtigen Herdentrieb bei Tier und Mensch beschäftige, spiele ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis beim Weinschlürfen ein kleines Fragespiel: Wer sind heute bei uns in Deutschland Vorbilder, Leitfiguren, moralische Instanzen? Und jedes Mal beginnt das große Stottern. Nach einigem Nachdenken fallen dann zögerlich Namen wie Gauck, Käßmann oder Neudeck, werden aber schnell wieder verworfen. Warum eigentlich?

Warum haben wir keine Helden, Idole, Vorbilder mehr? Warum sind wir so bemüht, nie aufzufallen, und so besorgt darüber, was andere über uns denken? Woher kommt unser hartnäckiges Streben nach Mittelmäßigkeit, der Hang zu Obrigkeitshörigkeit, Opportunismus und Dünndarmkriechen?

Warum wandern jedes Jahr immer mehr Deutsche in Rekordzahlen aus? Wir wären vermutlich vergnügter und gelassener, wenn wir gelegentlich ?Drauf geschissen!? sagen und unser eigenes Ding machen würden. Heruntergezogene Mundwinkel und Dörrpflaumen als Mund-Ersatz wären seltener, wenn wir uns weniger ängstlich in die Herdenkolonne einreihen würden.

Die Medien tun, als hätten wir ganze Armadas von prominenten Vorbildern. TV-, Pop- und Schlagerstars, Fußballer, gelegentlich sogar Politiker: Klum, Bohlen, Jauch, Fischer und Silbereisen, Beckenbauer und andere Lichtgestalten, Formel 1-Fahrer oder Guttenberg und Flinten-Uschi ...

Wenn keine Show- oder Sport-Größen greifbar sind, werden überflüssige Hohlköpfe berühmt gemacht. Allesamt werden sie wenig später wieder geschlachtet oder vergessen, manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht. Ich fand es immer ausgesprochen hilfreich, Vorbilder und Helden zu haben, egal ob es Swimmy der Fisch, Charly Brown, Rockmusiker wie Springsteen, Greenpeace-Aktivisten, Obelix, Ingemar Stenmark oder völlig Unbekannte aus meinem Umfeld waren.

In meiner Kindheit war eines davon meine Großmutter, Nonna genannt. Sie war überaus großzügig, lachte viel und war fest davon überzeugt, dass man nichts, was wirklich glücklich macht, mit Geld kaufen kann. (Außer Essen vielleicht, insbesondere Marzipan, sie war schwer übergewichtig und wurde trotzdem 93.)

Eines ihrer Mottos war: ?Wenn Du es richtig machst, kommt all das Geld, das Du zum Fenster rauswirfst, durch die Tür wieder rein.? Als sie 1988 starb, bestand ihr Vermögen aus exakt 1.100 DM, eine wunderbare Lektion für ihre zehn Enkel, die jeder 110 DM und ein bisschen Nippes erbten.

Nachdem ich mit der Schauspielerei angefangen hatte, wurde Götz George mein Vorbild, und der formulierte einmal einen brillanten Satz zum Thema Herdentrieb: ?In Deutschland ist die Luft für Eigensinnige dünn, man muss den Sauerstoff suchen.? Ich verstand das als Aufforderung und als Erfolgsrezept: Götz war unbequem, hasste alles Mittelmäßige, es war ihm zunehmend egal, was Medien und Branche über ihn dachten und redeten, und spielte genau deshalb in einer einsamen Klasse.

Er war der letzte Recke des deutschen Films, und der wohl letzte echte Volksschauspieler. Schimmi war der Held einer ganzen Generation. Das wird man nicht durch Mitlaufen, Anpassen, Hinterherdackeln oder Speichellecken, sondern durch Querdenken, an etwas Glauben, sich treu bleiben.

Da ich unverschämt oft das Glück hatte, Menschen mit ähnlicher Leidenschaft, Überzeugung, Großzügigkeit zu treffen wie meine Oma oder Götz, wundert es mich umso mehr, dass mein Heimatland, ehemals Land der Dichter und Denker, ohne Vorbilder und moralische Instanzen auskommt und dass wir eine Herde sein wollen ohne Kompass und Leitfiguren.

Jede Kultur hat ihre Helden-Sagen, in Kino, Theater, TV und Literatur geht nix ohne Helden, jedes Kind braucht Orientierung, Leitfäden, Lieblingshelden. Und es gibt sie scharenweise, auch wenn sie völlig unbekannt, unerkannt, unscheinbar sind. Sie haben keinen dauererigierten Zeigefinger, der uns den Weg zeigen will, sondern schlimmstenfalls einen steifen Mittelfinger in Richtung Herde, wenn diese sich wieder mal fatal verirrt: im Hype, Mobbing, Shitstorm, Kauf- und Konsum-Rausch, in kollektivem Gejammer, Gemecker, in Angst und populistischen oder post-faktischen Stammtisch-Sprüchen.

Dieses Buch soll anhand von persönlichen Begegnungen und Erlebnissen ein Mutmacher, eine Lobhudelei auf Individualismus und quergebürstete Gehirnnutzung sein. Beides würde uns (und der Welt) gut tun. Die Herde ist eine wunderbare, unterhaltsame und lebensnotwendige soziale Einrichtung, solange man genau weiß, wann, wo und warum man ein- bzw. ausscheren sollte.

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