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Aus dem Buch: Und es schmilzt - Lize Spit
 
VIER SCHATTEN
Wir waren zu dritt, hatten aber vier Schatten. Jolan, mein älterer Bruder, wäre Teil eines gesunden Zwillingspaars geworden, wenn seine Nabelschnur sich nicht um den Hals seiner Schwester gewickelt hätte.
Anlässlich ihrer Geburt 1985 - vier Wochen zu früh - wurden unendlich viele Fotos gemacht, die mit doppelseitigem Klebeband in ein Album geklebt wurden. Darunter Datum, exakte Uhrzeit, Namen unbekannter Onkel, Vermerke über hochfliegende Träume - scheinbar erreichbar, weil sie zum Teil nie realisiert zu werden brauchten.
JOLAN DE WOLF UND TES DE WOLF. Auf der Geburtsanzeige stand neben dem zweiten Namen ein kleines Kreuz, eine Todesanzeige wurde gespart.
Ungefähr zu der Zeit, als Jolan den Brutkasten verlassen durfte - so übertrieb Vater -, wurde ich geboren.
Das geschah irgendwann Mitte ?88, um Mitternacht. Ich war ein Mädchen. Mein Name war Eva. Auch ich kam allein. Vater war gerade draußen und rauchte.
Im Vergleich zu Jolans kleinem, in der Entwicklung etwas zurückgebliebenem Körper war ich von Anfang an kräftiger. In meinem ersten Lebensjahr wurden höchstens fünfzig Fotos gemacht. Bei keinem davon standen Uhrzeiten, es kamen keine unbekannten Onkel und Tanten zu Besuch.

"Elefantenbeine" schrieb Vater unter das Bild, auf dem ich zum ersten Mal auf einem Topf saß. Aus den anderen Unterschriften glaubte ich ableiten zu können, dass sie erst später hinzukamen, und zwar, weil sie etwas zeitlich Befristetes benannten, bereits eine Auswertung der Situation enthielten. "Eva, hier noch ein Flachskopf." Oder: "Januar, da konnte sie noch lachen."

Drei Jahre später, 1991, folgte Tesje. Von ihr machte Vater nur eine Handvoll Fotos, die nicht einmal mehr in einem Album landeten. Tesje war von Geburt an zarter und kleiner als wir. Sie hatte eine dünne, dichtgeäderte Haut und feine blonde Haare.

"Was willst du? Nach zwei Kindern war für sie nicht mehr genug Material übrig", hatte Vater laut Mutter am Wochenbett gescherzt. Möglicherweise hatte das selbstbewusst klingen sollen, vielleicht war er von Emotionen überwältigt. Dennoch muss es sich für die Krankenschwestern nach einer Entschuldigung angehört haben, wie bei einer Frau, der das Gericht nicht ganz gelungen ist.
"Genauso hat mein Vater verdammt nochmal auch rumgetönt. Außerdem, du hast vier Kinder, nicht drei", hatte Mama gesagt. An der Art und Weise, wie sie das immer wieder einmal aufs Tapet brachte und dann auch das "verdammt nochmal" wieder bemühte, wusste ich, dass es hiermit angefangen hatte. Dies war ihr Urvorwurf.
Der Namenswahl war eine lange Diskussion vorausgegangen: Mama wollte "Tesje", Vater einen anderen Namen, am liebsten "Lotte", notfalls "Lotje". Letzten Endes fügte er sich aber doch Mamas Vorschlag, vielleicht in dem Versuch, etwas wiedergutzumachen. Tesje wurde ein Ehrenerweis.

Als sie zwei Jahre alt war, erhielt sie den Spitznamen
"Scheißerle" - wobei das ß weich ausgesprochen wurde.

"Scheißerle" war der Kosename für das jüngste Kind einer Familie, eine Bezeichnung, die Mutter aus ihrer Heimat mitgebracht hatte, aus einer Familie mit einem tyrannischen Vater, in der sie das älteste Kind war. Das Wort hatte etwas Tragisches - erinnerte an Meerschweinchen, die auf der einen Seite ihres Käfigs scheißen und auf der anderen schlafen. Uns war völlig klar, dass dieser Spitzname nicht aus Nostalgie entstanden war, sondern aus Reue über die Wahl von Tesjes Namen, was Mutter Vater gegenüber aber nicht zugeben wollte. Dennoch hatten wir ihn alle übernommen: Sprache war das Einzige aus Mutters eigener Kindheit und Jugend, worauf sie mit Stolz verwies.

Durch Tesjes Ankunft landete ich auf dem Mittelplatz in der Familie, wurde ich zu derjenigen, die sich bei der Bildung von Fronten immer noch auf jede Seite schlagen konnte, je nachdem, ob ich Koalition oder Opposition bilden wollte.

Noch vor Jolans Geburt waren Mutter und Vater von einem nahe gelegenen größeren Dorf nach Bovenmeer gezogen, in ein Haus mit drei Schlafzimmern.
Bovenmeer war eine jener Ortschaften, in denen es, damit Angebot und Nachfrage gut austariert blieben, von allem nur eines oder keines geben konnte: einen kleinen Laden, einen Friseursalon, einen Bäcker, einen Schlachter, kein Fahrradgeschäft, eine Bücherei, die man auf einen Rutsch auslesen könnte, eine kleine Grundschule.

Jahrelang sollten wir alles, was im Dorf zu finden war, mit
"der", "die" oder "das" bezeichnen, als gehörte es uns, als ließe es sich zwischen Daumen und Zeigefinger fassen. Als hätten wir nach einem langen Krieg gegen große Städte und umliegende Dörfer die Prototypen eines Krämerladens und einer Schlachterei erbeutet und diese dann fest in der Nähe

der Kirche und des Gemeindesaals verankert, fußläufig von überallher, für jeden erreichbar.

Die Ladenbesitzer spielten mit; aus Bequemlichkeit oder Hochmut machten sie sich nicht die Mühe, sich einen originelleren Namen für ihr Geschäft auszudenken als "Die Schlachterei" oder "Das Lädchen", in seltenen Fällen mit einem Zusatz versehen, dem eigenen Familiennamen.

Ein paar Ausnahmen gab es in Bovenmeer. Wir hatten zwei Kneipen. Oft verließen Männer "Die Nacht", um nach kurzem Zögern, sich am Türpfosten hochziehend, doch noch "Willkommen" anzusteuern, wo in den frühen Stunden schon wieder Bier ausgeschenkt wurde.

Es gab häufig vorkommende Namen: Tim, Jan und Ann. Sowohl Pim als auch Laurens hatten einen Bruder, der Jan hieß, obgleich es ab dem Winter 2001 einen Unterschied bei diesem "haben" geben sollte. Laurens hatte da noch einen Bruder; Pim hatte lediglich einen Bruder gehabt.

Es gab einen leeren Hühnerstall, der "Kosovo" genannt wurde. Er lag genau zwischen "Willkommen" und dem Gemeindesaal. Monatelang hatte eine albanische Flüchtlingsfamilie darin gewohnt. Nachdem sie ausgewiesen worden war, brachten verschiedene Vereine dort ihren Krempel unter.

Mir war lange nicht klar, was Mutter und Vater in Bovenmeer finden wollten. Ob sie jemals geglaubt hatten, sie würden in einem Dorf zurechtkommen, in dem jedes Jahr Gemeindefeste organisiert wurden und sich niemand wunderte, wenn jemand in den Kosovo geschickt wurde, um eine Packung Servietten zu holen.


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