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Aus dem Buch: Der Weg des Bogens - Paulo Coelho
 
"Tetsuya!"
Der Junge blickte den Fremden erstaunt an. "Niemand in dieser Stadt hat Tetsuya je einen Bogen halten sehen", antwortete er. "Wir kennen ihn alle nur als Tischler."

Der Fremde ließ nicht locker. "Vielleicht hat er das Bogenschießen inzwischen aufgegeben, den Mut verloren, was weiß ich. Doch dann verdient er auch nicht mehr, als der beste Bogenschütze des Landes zu gelten. Darum habe ich auch die lange Reise auf mich genommen: Um ihn herauszufordern und dem Ruhm, den er nicht mehr verdient, ein Ende zu bereiten."

Der Junge sah, dass es zwecklos war, zu streiten: Es war besser, den Fremden zum Tischler zu bringen, damit er sich selbst davon überzeugen konnte, dass er sich irrte.

Tetsuya arbeitete in der Werkstatt, die im hinteren Teil seines Hauses lag. Er wandte den Kopf, um zu sehen, wer gekommen war und sein Lächeln gefror. Er starrte auf den langen Beutel, den der Fremde über der Schulter trug.

"Es ist genau, was Ihr denkt", sagte der Fremde, der gerade eingetreten war. "Ich bin nicht hierher gekommen, um den Mann, der eine Legende geworden ist, zu demütigen. Ich möchte nur beweisen, dass es mir nach vielen Jahren der Übung gelungen ist, die Vollkommenheit zu erreichen."

Tetsuya schickte sich an, seine Arbeit wieder aufzunehmen: Er war gerade dabei, einen Tisch mit Beinen zu versehen. Der Fremde aber fuhr fort: "Ein Mann, der das Vorbild einer ganzen Generation war, kann nicht so wie Ihr einfach verschwinden. Ich habe Eure Lehren befolgt, habe versucht, den Weg des Bogens zu achten und habe verdient, dass Ihr mir beim Schießen zuseht. Wenn Ihr dies tut, werde ich wieder gehen und niemandem sagen, wo der Größte aller Meister sich aufhält."

Der Fremde entnahm dem langen Beutel einen langen, aus lackiertem Bambus gefertigten Bogen, dessen Griff etwas unterhalb der Mitte angebracht war. Er verbeugte sich zu Tetsuya gewandt, ging dann in den Garten und verbeugte sich dort zu einer bestimmten Stelle hin. Darauf zog er einen mit Adlerfedern bestückten Pfeil heraus, stellte die Füße so auseinander, dass er sicher stand, um zu schießen, hob den Bogen mit einer Hand vor das Gesicht und legte mit der anderen den Pfeil an den Bogen.

Der Junge schaute mit einer Mischung aus Freude und Verblüffung zu. Und Tetsuya hatte seine Arbeit unterbrochen, schaute dem Fremden neugierig zu.

Der Mann zog, während der Pfeil bereits an der Sehne lag, den Bogen etwas zur Brust hin. Er hob ihn so an, dass der Pfeil über dem Kopf war und dann spannte er, indem er die Hände senkte, den Bogen. Als der Pfeil auf der Höhe seines Gesichtes angelangte, war der Bogen bereits ganz gespannt.

Einen Augenblick lang, der eine Ewigkeit zu dauern schien, bewegten sich Schütze und Bogen nicht.
Der Junge schaute zu der Stelle hin, in die der Pfeil wies, konnte aber nichts erkennen.
Plötzlich öffnete sich die Hand an der Sehne, der Arm wurde zurückgezogen, der Bogen beschrieb in der anderen Hand eine anmutige Drehung, und der Pfeil verschwand aus dem Gesichtsfeld, um in der Ferne wieder aufzutauchen.

"Geh und hole ihn", sagte Tetsuya.
Der Junge kam mit dem Pfeil zurück: Dieser hatte eine Kirsche durchbohrt, die in vierzig Metern Entfernung auf dem Boden gelegen hatte.

Tetsuya verbeugte sich zum Bogenschützen gewandt, begab sich in eine Ecke seiner Tischlerwerkstatt und nahm ein feines, sanft geschwungenes Stück Holz, das mit einem langen Lederband umwickelt war. Langsam wickelte er das Band ab und zum Vorschein kam ein Bogen, ähnlich wie der des Fremden, nur wirkte er sehr viel abgenutzter.

"Ich habe keine Pfeile, ich werde einen von Euren nehmen müssen. Ich werde tun, worum Ihr mich gebeten habt, doch dafür müsst Ihr Euer Versprechen halten und niemandem verraten, in welchem Dorf ich lebe. Wenn Euch jemand nach mir fragt, sagt Ihr, dass Ihr bis ans Ende der Welt gegangen seid, um mich zu finden und schließlich erfahren musstet, dass ich zwei Tage zuvor an einem Schlangenbiss gestorben sei."

Der Fremde nickte und reichte ihm einen seiner Pfeile. Tetsuya stützte ein Ende des langen Bambusbogens an der Wand ab und spannte unter großer Kraftanstrengung die Sehne ein. Dann ging er wortlos hinaus in die Berge.

Der Fremde und der Junge begleiteten ihn. Sie wanderten eine Stunde lang, bis sie zu einer engen Schlucht gelangten, durch die ein reißender Bach floss: Man konnte nur über eine fast verrottete Seilbrücke auf die andere Seite gelangen.

Tetsuya ging ruhig bis in die Mitte der gefährlich schaukelnden Brücke, verbeugte sich vor etwas, das sich auf der anderen Seite befand, spannte den Bogen so wie es der Fremde gemacht hatte, hob ihn an, senkte ihn zur Brust und schoss ab.

Der Junge und der Fremde sahen, dass ein reifer Pfirsich, der sich in zwanzig Meter Entfernung befand, vom Pfeil durchbohrt worden war.

"Ihr habt eine Kirsche getroffen, ich habe einen Pfirsich getroffen", sagte Tetsuya, während er ans sichere Ufer zurückkehrte. "Die Kirsche ist kleiner. Ihr habt Euer Ziel auf vierzig Meter Entfernung getroffen, und meines befand sich nur halb so weit entfernt. Geht auf die Brücke und tut es mir nach."

Angstvoll ging der Fremde bis zur Mitte der halbverrotteten Brücke und starrte dabei in die Schlucht unter seinen Füßen. Er führte das Ritual des Bogenspannens durch, zielte auf den Pfirsichbaum, aber der Pfeil flog weit daran vorbei.
Bleich kehrte er ans Ufer zurück.

"Ihr besitzt Geschicklichkeit, habt Würde, habt Haltung", sagte Tetsuya. "Ihr beherrscht die Technik und den Bogen, aber nicht Euren Geist. Ihr könnt schießen, wenn die Bedingungen günstig sind, doch wenn Ihr Euch auf gefährlichem Terrain befindet, gelingt es Euch nicht, das Ziel zu treffen. Ein Bogenschütze aber kann sein Schlachtfeld nicht immer selber wählen, daher solltet Ihr wieder üben - und seid auf ungünstige Bedingungen gefasst! Setzt den Weg des Bogens fort, denn er ist der Weg eines Lebens. Lernt jedoch, dass korrektes und zielsicheres Schießen etwas ganz anderes ist als ein Schuss, der mit Frieden in der Seele abgegeben wird."

Der Fremde verbeugte sich noch einmal tief, steckte Bogen und Pfeile in seinen langen Beutel und ging davon.

Auf dem Rückweg jubelte der Junge. "Ihr habt ihn gedemütigt, Tetsuya! Ihr müsst wirklich der Beste von allen sein!
"Wir sollten Menschen niemals beurteilen, bevor wir sie angehört und gelernt haben, sie zu respektieren. Der Fremde war ein guter Mensch: Er hat mich weder gedemütigt, noch hat er versucht, mir seine Überlegenheit zu beweisen, obwohl es vielleicht den Anschein haben mochte. Er wollte seine Kunst zeigen und sie anerkannt sehen, auch wenn es so wirkte, als würde er mich herausfordern. Zudem gehört es zum Weg des Bogens, sich hin und wieder unerwarteten Herausforderungen zu stellen, und genau dies hat mir der Fremde heute ermöglicht."

"Er hat gesagt, Ihr seid der Beste von allen und ich wusste nicht einmal, dass Ihr ein Meister des Bogenschießens seid. Wenn es stimmt, warum arbeitet Ihr dann in einer Tischlerei?"
"Weil der Weg des Bogens für alles gut ist und es mein Traum war, mit Holz zu arbeiten. Zudem braucht ein Schütze, der diesem Weg folgt, keinen Bogen, keinen Pfeil und auch keine Zielscheibe."
"Hier im Dorf passiert nie etwas Aufregendes und plötzlich erfahre ich, dass ich einen Meister einer Kunst vor mir habe, für die sich niemand mehr interessiert", sagte der Junge mit leuchtenden Augen. "Was ist der Weg des Bogens, könnt Ihr mich ihn lehren?"
"Ihn lehren ist nicht schwer. Das kann ich in weniger als einer halben Stunde tun, während wir zurück ins Dorf wandern. Schwierig ist es, jeden Tag zu üben, bis man die nötige Präzision erreicht hat."

Bittend blickte ihn der Junge an. Tetsuya aber schritt fast eine halbe Stunde lang schweigend aus. Und als er zu sprechen anfing, wirkte seine Stimme viel jünger: "Heute bin ich zufrieden: Ich habe einem Mann die Ehre erwiesen, der mir vor vielen Jahren das Leben gerettet hat. Aus diesem Grunde werde ich dir alle notwendigen Regeln sagen, mehr kann ich nicht tun. Wenn du begreifst, was ich sage, kannst du diese Lehren anwenden, wann immer du willst.
Du hast mich gerade Meister genannt. Was ist ein Meister? Nun, ich antworte dir darauf: Ein Meister ist nicht derjenige, der etwas lehrt, sondern jemand, der seinen Schüler dazu anregt, sein Bestes zu geben, um ein Wissen zu entdecken, das er bereits in seiner Seele trägt."

Und während sie vom Berg herabstiegen, erklärte Tetsuya den Weg des Bogens.

DIE VERBÜNDETEN

Der Bogenschütze, der die Freude des Bogens und des Pfeils nicht mit anderen teilt, wird niemals seine eigenen Vorzüge und Mängel kennen lernen.
Daher suche dir, bevor du beginnst, Verbündete - Menschen, die sich für das interessieren, was du tust.
Ich sage nicht: Suche andere Bogenschützen. Ich sage: Suche Menschen mit anderen Fähigkeiten, denn der Weg des Bogens ist wie jeder andere Weg, der mit Begeisterung gegangen wird.

Deine Verbündeten sind nicht notwendigerweise jene Menschen, auf die alle staunend blicken und über die man sagt: "Jemand Besseren gibt es nicht." Ganz im Gegenteil: Es sind Menschen, die keine Angst davor haben, sich zu irren, und es daher auch tun. Aus diesem Grunde wird ihre Arbeit nicht immer anerkannt. Aber gerade diese Menschen verändern die Welt. Nach vielen Irrtümern schaffen sie etwas, das äußerst wichtig für ihre Gemeinschaft ist. Es sind Menschen, die warten können, bis die Dinge geschehen, um später entscheiden zu können, wie sie sich am besten dazu verhalten: Sie treffen eine Entscheidung, während sie handeln, auch wenn sie zugleich wissen, dass dies sehr riskant sein kann.

Das Zusammenleben mit diesen Menschen ist sehr wichtig für einen Bogenschützen, denn er muss begreifen, dass er, bevor er sich vor seinem Ziel aufstellt, frei genug sein muss, um die Richtung zu wechseln, während er den Pfeil vor seine Brust zieht.

Wenn er die Hand öffnet und die Sehne loslässt, sollte er zu sich selber sagen: "Während ich den Bogen spannte, habe ich einen langen Weg zurückgelegt. Jetzt lasse ich den Pfeil im Bewusstsein los, genügend riskiert und das Beste von mir gegeben zu haben."

Die besten Verbündeten sind diejenigen, die nicht wie die anderen denken. Daher vertraue deiner Intuition, wenn du Gefährten suchst, mit denen du die Begeisterung für das Bogenschießen teilen möchtest und kümmere dich nicht darum, was andere sagen. Die Menschen beurteilen die anderen immer nach sich selber - und manchmal ist ihre Meinung von Vorurteilen und Ängsten geprägt.

Tue dich mit denen zusammen, die etwas ausprobieren, etwas riskieren, die fallen, sich verletzen und von neuem etwas riskieren. Und halte dich von denjenigen fern, die Wahrheiten verkünden, die jemanden kritisieren, weil er anders denkt als sie und die niemals einen Schritt getan haben, ohne die Gewissheit zu haben, dass sie deswegen geachtet werden würden und die Gewissheiten dem Zweifel vorziehen.

Tue dich mit denen zusammen, die sich offen zeigen und keine Angst davor haben, verletzlich zu sein: Sie verstehen, dass Menschen nur besser werden können, wenn sie sehen, was ihr Nächster tut, nicht etwa, um ihn zu beurteilen, sondern um seinen Eifer und seinen Mut zu bewundern.

Vielleicht glaubst du, Bogenschießen könnte weder einen Bäcker noch einen Bauern interessieren, aber ich sage dir: Sie werden das, was sie gesehen haben, in das legen, was sie tun. Auch du wirst das tun: Du wirst vom guten Bäcker lernen, deine Hände zu gebrauchen und die Zutaten genau zu mischen. Vom Bauern wirst du lernen, geduldig zu sein und hart zu arbeiten, die Jahreszeiten zu achten und nicht gegen die Stürme zu fluchen - denn das wäre verlorene Zeit.

Tue dich mit Menschen zusammen, die so geschmeidig sind wie das Holz deines Bogens und die die Zeichen des Weges verstehen. Es sind Menschen, die nicht zögern, ihre Richtung zu ändern, wenn sie ein unüberwindliches Hindernis entdecken oder wenn sie eine bessere Gelegenheit sehen. Es ist dies die Eigenschaft des Wassers: Es fließt um Felsen herum, passt sich dem Lauf des Flusses an, verwandelt sich manchmal in einen See, bis eine Senke sich gefüllt hat und es seinen Weg fortsetzen kann, denn das Wasser vergisst nicht, dass sein Ziel das Meer ist, das es früher oder später erreichen muss.

Tue dich mit denen zusammen, die niemals gesagt haben: "Jetzt ist Schluss, hier höre ich auf." Denn so wie der Frühling auf den Winter folgt, kann nichts enden: Wenn man sein Ziel erreicht hat, muss man neu anfangen und dabei immer das nutzen, was man auf dem Weg gelernt hat.

Tue dich mit denen zusammen, die singen, Geschichten erzählen, das Leben genießen und Freude im Blick haben. Denn Freude ist ansteckend und es gelingt ihr immer zu verhindern, dass Menschen sich von der Depression, von der Einsamkeit und von den Schwierigkeiten lähmen lassen.

Tue dich mit allen zusammen, die ihre Arbeit voller Begeisterung tun. Aber damit du ihnen nützlich bist, so wie auch sie dir nützlich sind, musst du wissen, welches ihre Werkzeuge sind und wie ihre Fähigkeiten verbessert werden können.

Daher ist nun der Zeitpunkt gekommen, deinen Bogen, deinen Pfeil, dein Ziel und deinen Weg kennen zu lernen.


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