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Aus dem Buch: Das Böse in mir
 
Ein Leben im ehernen Zeitalter des Menschengeschlechts
Jan Niklas Meier

Alte Menschen schreiben ihr Leben nieder, so sagt man. Sie neigen dazu, in Erinnerungen zu schwelgen, der Welt etwas hinterlassen zu wollen. Alt zu sein ist scheinbar nicht der einzige Antrieb hierzu: Einsamkeit gehört auch dazu. So sitze ich nun hier und will die Vergangenheit in Worte fassen. Ich bin nicht sicher, ob es mir gelingen wird, ob ich das Erlebte angemessen zu Papier zu bringen vermag. Und doch will ich beginnen.
Mein Name ist Carl Vermillion und ich war Agent der Behörde, die heute als FBI, zu meiner Zeit jedoch als BOI bekannt war. Geboren bin ich in Louisiana in einem verschlafenen Städtchen namens Terrebonne, über das es genauso wenig zu berichten gibt wie über mein Leben bis zu jenem schicksalshaften Tag im April 1917, an dem Präsident Wilson mein Land in den Kampf gegen die verbrecherischen Autokraten führte, wie er es nannte. Zusammen mit vielen Gleichaltrigen bestieg ich ein Schiff und wurde auf die Schlachtfelder Europas gebracht. Die Dinge, die ich dort sah und die ich dort zu tun gezwungen war, veränderten mich, sie ließen mich härter und doch gleichzeitig in gewisser Weise stumpf werden. Nach nur wenigen Wochen in der Hölle der Schützengräben muss auch aus meinen Augen das gesprochen haben, was mich meinen Großvater, der im Sezessionskrieg gedient hatte, stets fürchten und meiden ließ.

Entgegen meiner Erwartungen kehrte ich körperlich unversehrt in die Heimat zurück. Meine Kameraden ließen die vergangenen Ereignisse zwar nicht zurück, doch heirateten sie, gründeten Familien und erweckten den Anschein der Normalität; Bis die Vergangenheit sie Nacht für Nacht einholte.
Ich selbst ging zur Polizei, gründete keine Familie und erschien meinen Mitmenschen wohl niemals als wirklich normal. Sie mieden mich wie ich einst meinen Großvater. Dennoch entwickelte ich mich zu einem guten Polizisten. Ich verließ Terrebonne und wurde Teil des Morddezernats von Baton Rouge. Hier traf ich zum ersten Mal auf Timothy Warden, meinen späteren Vorgesetzten beim BOI. Nach einem gemeinsam gelösten Fall holte er mich zu seiner Behörde. Mein erster und einziger Einsatz als Agent ist es, über den ich hier berichten will, und der mich seither niemals losgelassen hat:

I
"Was gibt es denn, Tim?", fragte ich, immer noch verschlafen und leicht verkatert.
"Mord, ein Opfer. Da drüben in dem Schuppen." Warden war wie kein Freund vieler Worte. Das Gebäude, von dem er gesprochen hatte, machte einen baufälligen Eindruck und stand am Rande des Sumpfes. Ich verstand nicht genau, warum ein gewöhnlicher Mord sofort unsere Behörde auf den Plan rief, zog es aber vor, nichts zu sagen. Langsam gingen wir durch den morgendlichen Nebel auf den hölzernen Bau zu. Vor dem Eingang stand ein blasser Deputy des örtlichen Sheriffs.
Ich nickte ihm im Vorbeigehen zu, Warden ignorierte ihn gänzlich. Als wir das Gebäude betraten, hielt mein Vorgesetzter mich fest.
"Das ist nicht sonderlich schön da drinnen. Ich hoffe, du hast noch nichts gefrühstückt."
"Ich habe schon so ziemlich alles gesehen", sagte ich. Ich wusste damals nicht, wie sehr ich mich irren sollte. Im Inneren des Schuppens war es dämmerig, das Morgenlicht fiel durch die Türöffnung und die Ritzen im Holz, vermochte aber nicht alle Details der Szene zu erleuchten, die sich vor mir ausbreitete.
Ich sah einen Tisch, einen großen Tisch, fast schon eine Tafel zu nennen. Ein weißes, sauberes Tuch bedeckte die Oberfläche, ein Stuhl aus dunklem Holz war mittig platziert. Dort standen zwei Platten aus Silber, wie sie kultivierte Menschen zum Servieren von Speisen nutzen. Hier lag die Leiche. Oder vielmehr die Leichenteile. Auf der linken Platte war ein Haufen menschlicher Knochen aufgeschichtet. Auf der rechten lag das Fleisch, obenauf ein Organ, das meine ungenügenden anatomischen Kenntnisse nicht zu identifizieren in der Lage waren.
"Keine Ahnung, welches Schwein so etwas anrichtet." Selbst Warden wirkte leicht blass. Auf mich übte der furchtbare Anblick eine Art widerwärtige Faszination aus. Ich ging ein Stück näher heran und beugte mich über die Platte mit dem Fleisch.
"Es sieht gekocht aus", sagte ich, ohne mich umzudrehen. "Das würde zumindest erklären, wie er es so sauber vom Knochen trennen konnte."

Widerwillig folgte mir mein Vorgesetzter zum Tisch.
"Verdammt, du steckst ja gleich dein Gesicht in den Haufen, Carl!"
Ich zuckte zurück. Der Geruch des gekochten Menschenfleischs zog mich geradezu magisch an. Gebannt starrte ich auf den Tisch.
An dieser Stelle verlässt mich meine Erinnerung an jene lange zurückliegende Szenerie. Ich weiß noch, dass wir die Leichenteile einsammeln und zur Untersuchung in die Stadt bringen ließen. So sehr ich es auch versuche, der Name des Rechtsmediziners, der die Autopsie durchführte, will mir nicht in den Sinn kommen. Er ist für meine Geschichte aber auch nicht wichtig. Wichtig ist aber, was er zu berichten hatte. So stellte sich heraus, dass das Organ auf dem Tablett eine menschliche Leber war. An jenem Tag wussten Warden und ich mit dieser Information noch nicht viel anzufangen, später sollte sie sich jedoch in ein schreckliches Bild fügen.
Zunächst standen wir vor dem Nichts. Es gab keinen Verdächtigen, keine wirkliche Spur. Es schien klar, dass der eigentliche Mord nicht in dem Schuppen geschehen war, der Täter hatte eine große Menge an Ausrüstung gebraucht, um den Toten zu kochen und anschließend zu zerlegen. Der Tote. Auch seinen Namen kann ich nicht nennen, denn wir haben das Opfer niemals identifiziert. Männlich, etwa 1,80 m, 70 kg schwer, um die 30 Jahre alt. Mehr Informationen hatten wir nicht, mehr haben wir nie herausgefunden. Seltsam, wie sich diese Zahlen in mein Gedächtnis eingebrannt haben, sodass ich sie nach all den Jahren noch wiederzugeben vermag.
"Es ist einfach scheiße." Warden nippte an seinem Kaffee.
"Wir haben nichts. Einfach gar nichts. Keinen Namen, nicht einmal eine Spur. Der Kerl war auf jeden Fall ein Profi. Ein beschissener, kranker Profi."
"Irgendwann werden wir ihn finden", erwiderte ich. Überzeugt war ich aber nicht, was mich schier in den Wahnsinn trieb. Damals dachte ich, mein Instinkt als Polizist, mein Drang nach Gerechtigkeit erzeuge dieses Gefühl.
Zwei Wochen später hatten wir immer noch keine neuen Hinweise. Zwei Wochen später hatten wir eine weitere Leiche.

II
Der Hund tobte an seiner Kette. Er war groß und dunkelgrau, wirkte fast wie ein Wolf. Warden machte einen respektvollen Bogen um das Tier, das an den Pecan?Baum gebunden war.
"Wie kommt dieses Vieh hierher?", warf er einem der Deputys entgegen.
"Der Täter muss ihn mitgebracht haben, Sir! Ich kann mir nicht erklären, wer ihn sonst so weit außerhalb des Ortes angebunden haben soll."
Ich folgte meinem Vorgesetzten und musterte den Hund. Je länger ich das Tier ansah, desto mehr erschien es mir wie ein Wolf. Gemessenen Schrittes ging ich weiter und besah mir den eigentlichen Tatort.
Etwa einhundert Meter hinter dem Pecan?Baum stand die Silberplatte auf dem sumpfigen Boden. Der Tote war wieder zerstückelt, dieses Mal jedoch hatte man nicht das Fleisch von den Knochen gekocht. Beine und Arme waren neben dem Torso drapiert, auf dem Brustkorb lag der Kopf, aus dem mich zwei Augen scheinbar anklagend anstarrten.
Rechts und links des Tabletts waren Messer und Gabel abgelegt, schienen aber, ebenso wie beim ersten Tatort, nicht benutzt worden zu sein.
"Ähnlich und doch irgendwie anders", befand Warden mit erhobener Stimme, um das Tier den Wolf zu übertönen. Erneut empfand ich eine krude Faszination und musste mich geradezu zwingen, mir vor meinem Partner nicht erneut eine Blöße zu geben. Ich stimmte Warden zu. Ähnlich, aber doch irgendwie anders. Dennoch war ich mir absolut sicher, es mit demselben Täter zu tun zu haben.
"Was meinst du, Carl?"
"Auf jeden Fall unser Mann. Ich hoffe nur, dass wir hier mehr Glück haben", erwiderte ich.
Dieses Mal fanden sich tatsächlich mehrere Hinweise, die uns hoffen ließen, den Fall abschließen zu können, ohne dass noch mehr Menschen ihr Leben lassen mussten. Welche Arroganz! Der Gerichtsmediziner ? inzwischen glaube ich, sein Name war Fleure ? identifizierte die Leiche als einen kürzlich vermissten Lehrer der nahegelegenen High School. Wir nahmen uns also das Privatleben des Mannes vor und suchten nach potentiellen Feinden. Dabei stieß ich auf einen ehemaligen Kollegen.
"Kennen Sie einen Donald Hutchins?", fragte ich.
"Ja, wir haben vor einigen Jahren zusammen gearbeitet. Wieso?"
"Nun, Mister Carrol, wir haben uns gefragt, ob Sie in letzter Zeit eventuell Kontakt zu ihm hatten."
"Nein, schon seit Jahren nicht mehr. Warum stellen Sie mir diese Fragen?"
"Weil wir gehört haben, dass Sie einen gewissen Groll gegen ihn hegen. Ist das soweit korrekt?"
"Er ist schuld daran, dass man mich entlassen hat. Also ja, ich bin nicht besonders gut auf ihn zu sprechen. Würden Sie mir jetzt wohl endlich sagen, warum ich hier sitze?"
"Donald Hutchins ist tot."
Der Rest des Verhörs liegt im Dunkel der Vergangenheit. Ich weiß noch, dass ich den Mann von Anfang an für unschuldig hielt. Er war zu gewöhnlich. Hutchins hatte ihn dabei erwischt, wie er ein Mädchen der Klasse unsittlich berührte. Nur ein gewöhnlicher, ekelhafter Pädophiler. Kein Mörder, kein wahrer Künstler. Carrol erwies sich allerdings in anderer Hinsicht als bahnbrechend. Hauptsächlich um ihn zu quälen, legte ich ihm Photographien der Tatorte vor. Schien er bei der ersten Leiche noch befriedigend geschockt, wirkte er beim Anblick des zweiten Toten plötzlich äußerst aufmerksam und verlangte gar, das vorangegangene Bild nochmals zu sehen.
"Prometheus und Lykaon", murmelte Carrol.
An dieser Stelle zittert meine Hand. Ich bin nicht sicher, ob ich meine Erzählung werde zu Ende führen können. Meine Gedanken entgleiten mir, je stärker ich sie mir in Erinnerung zu rufen suche. Prometheus und Lykaon. Der Täter stelle Szenen aus der griechischen Mythologie nach. Es erscheint mir heute seltsam, dass ich selbst nicht zu dieser Erkenntnis gelangt bin, hatte ich doch in meiner Kindheit die Geschichten um die Heldentaten des Herakles gelesen, hatte die schöne Helena nach Troia geleitet und war mit Jason ausgezogen, das goldene Vlies zu erlangen. Auf den Schlachtfeldern Europas fielen mir die Legenden wieder ein, sie bewahrten mich vielleicht vor dem Wahnsinn.
Ich war ein Heros, mein Feind die bösartige Hydra, die es zu erschlagen galt. Ich habe sie getötet, ich bin zurückgekehrt. Nun hatten mich die alten Geschichten offenbar erneut eingeholt und dabei nicht an Anziehungskraft eingebüßt.
Warden und ich ermittelten in diese neue Richtung, suchten nach Menschen mit Interessen wie den meinen. Wir erstellten ein Profil des Täters. Warum gerade Prometheus und Lykaon? Prometheus war kein Mörder. Er schlachtete einen Stier, kochte ihn, trennte Fleisch und Knochen, um sie Zeus als zwei Haufen zu präsentieren, den einen unter der Haut, den anderen unter dem Talg des Tieres verborgen. Er wollte das Wissen des Gottes testen, nicht töten. Die Menschen sind seine Schöpfung. Für uns stahl er den Olympiern das Feuer und wurde schrecklich bestraft: Geschmiedet an einen Berg und zur Unsterblichkeit verdammt, frisst jeden Tag ein Adler seine Leber, die sich in der Nacht erneuert. Prometheus ist der Vater des Menschengeschlechts, nicht sein Vernichter. Oder nimmt er nun Rache? Ist er entsetzt über das, was aus seinem Werk geworden ist, was uns sein Opfer wert war?
Lykaon ist böse. Er frevelte die Götter, glaubte nicht an deren Allmacht. Als Zeus zur Erde stieg, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, ließ Lykaon, der König der Arkadier, ihm Menschenfleisch vorsetzen. Zur Strafe verwandelte Zeus ihn in einen Wolf, damit aller Welt seine Bösartigkeit gewahr werde.
"So kommen wir nicht weiter." Warden klang verdrossen. "Der Kerl ist einfach verrückt und hat die erstbesten Morde in diesen Geschichten genommen. Da steckt nichts dahinter."
"Aber Prometheus ist nicht böse, er ist der Beschützer der Menschen. Es ergibt keinen Sinn. Und außerdem mordet er nicht." Ich glaubte, schier verrückt zu werden.
"Ja, was gibt es?" Warden redete mit einem anderen Beamten. Ich hatte ihn nicht eintreten hören. Der Mann war bleich, brachte keine guten Nachrichten.


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