Sarturia.com Buchinhalt Vorschau


Aus dem Buch: Daniel Schenkel Hrsg. - Erwachen - Sarturia Macabre 1
 
Erwachen
Cathy Guderjahn

In einer Welt, in der Veränderungen die Regel sind, finden wir unsere Geborgenheit und unsere Sicherheit in den Konstanten des Lebens, dass die Sonne aufgeht, dass die Erde sich dreht. Aber was passiert, wenn wir uns auf nichts mehr verlassen können? An was klammern wir uns dann?
(Aus "Outer Limits")

"Nein! Nein!" Meine ganze Hilflosigkeit, meine panischen Ängste, die Verzweiflung. Alles brach aus mir hervor.

***

Immer noch schreiend fuhr ich hoch. Schweißgebadet. Zitternd. Voller Panik. Mein Herz raste. Keuchend rang ich nach Luft.
Ich brauchte Sekunden, eine Ewigkeit, um zu begreifen, dass es nur ein Traum gewesen war. Ein Albtraum.
Ich starrte in die Finsternis und während mein Herzschlag langsamer wurde und meine Atmung ruhiger, stellte ich fest, dass ich mich an nichts erinnern konnte. Das Unterbewusstsein, welches die Bilder produziert und mich brutal aus dem Schlaf gerissen hatte, verschloss sich meinen Erinnerungen.
Nur ein Albtraum.

Ich fand in meine Realität zurück. Der Radiowecker blinkte. Verdammt! Ein Stromausfall während der Nacht hatte die Geräte kurzzeitig außer Betrieb gesetzt. Hastig sprang ich aus dem Bett. Wie spät war es?
Mir war klar, dass die Zahlen auf dem Display nicht der tatsächlichen Uhrzeit entsprechen konnten.
Ich schaltete die kleine Messinglampe auf dem Nachttisch neben mir ein und griff nach meiner Armbanduhr. Halb sechs! Erleichtert atmete ich auf. Es war noch genügend Zeit.
Bedächtig zog ich die Jalousien hoch. Draußen war es noch fast dunkel. Schwarze Regenwolken bedeckten den Himmel. Nur ab und zu versuchte die Dämmerung ein wenig Licht durch die Wolken zu schicken. Ich öffnete die Balkontür. Kühle, feuchte Luft schlug mir entgegen. Fröstelnd trat ich nach draußen und atmete tief die frische Luft ein. Es nieselte. Tausende kleine Regentröpfchen hatten sich auf der Balkonbrüstung niedergelassen. In diesem Moment fiel es mir noch nicht auf. Diese Stille diese absolute, vollkommene Stille ?

Wohltuende Wärme empfing mich, als ich zurück ins Zimmer kam. Das blinkende Display an meiner Musikanlage forderte mich auf, die Uhrzeit wieder richtig einzustellen. Es war Zeit für die Sechs-Uhr-Nachrichten, ich drückte den Einschaltknopf des Radios. Nichts! Nur ein Rauschen war zu hören. Großartig! Der Kabelanschluss schien wieder einmal gestört zu sein. Neugierig geworden, versuchte ich mein Glück beim Fernsehapparat. Fehlanzeige! Auf dem Bildschirm erschien das erwartete Schneegeriesel und bestätigte meine Vermutung. Ich schob eine Michael-Jackson-CD ein und ging ins Bad. Obwohl ich die tristen Novembertage mit dieser lang anhaltenden Dunkelheit, dem trüben Nebel und der einhergehenden Nässe abgrundtief hasste, freute ich mich dennoch auf diesen Tag.
Ich musste heute nur vier Stunden unterrichten und würde gegen Mittag wieder zu Hause sein.
Der ganze Nachmittag gehörte mir und gegen Abend war ich mit Christian verabredet. Mit ihm konnte ich stundenlang über alles reden, er dachte in anderen Bahnen als die meisten Menschen. Es war erfrischend, sich mit jemandem zu unterhalten, der nicht bereit war, die Welt so zu akzeptieren wie sie es einem aufdrängten. Er definierte den Begriff "normal" neu, obwohl ich mich manchmal fragte, ob es den Begriff "normal" in seinem Wortschatz überhaupt gab.

Als ich meine Wohnung im sechsten Stock verließ, fiel es mir zum ersten Mal auf. Das Geräusch der sich schließenden Tür und das Drehen des Schlüssels im Schloss hallten überlaut durchs ganze Treppenhaus. Dann wurde es still. Ich blieb bewegungslos stehen. Die Stille schlich bis in den hintersten Winkel meiner Seele und löste einen Schauer in mir aus. Langsamer als sonst und aufmerksam lauschend ging ich die Treppen hinunter. Im Haus wohnten insgesamt achtzehn Familien auf sechs Etagen. Aus keiner Wohnung hörte ich die sonst üblichen Morgengeräusche, die ich schon seit Jahren gewöhnt war. Kein Radio, kein Lachen, keine Kinderstimmen. Kein Kaffeegeruch, kein Duft von frisch getoastetem Weißbrot zog durch das Treppenhaus. Nur ab und zu wehte der Duft des eigenen Parfüms an meiner Nase vorbei.

Ich trat vor das Haus. Es hatte aufgehört zu nieseln, aber die Feuchtigkeit kroch sofort in meine Kleidung. Fröstelnd zog ich die Schultern zusammen. Noch immer hing der Himmel voll schwerer Regenwolken.
Es schien noch dunkler geworden zu sein. Von einer Sekunde zur anderen hatte ich das Gefühl, als ob eine eiskalte Hand nach mir griff. Erstarrt blieb ich auf der Stelle stehen.

Etwas war anders.
Etwas?
Irgendjemand Unnennbares, Unheilvolles hatte innerhalb des Bruchteils einer Sekunde von meinem Gehirn Besitz ergriffen und vor meinem geistigen Auge erschien ein Satz, der nicht Produkt meiner Gedanken war:
"Alles ist anders!"

Ich wehrte mich gegen dieses Fremdartige, es machte mir Angst, weil ich spürte, dass ich die Kontrolle über meine eigenen Gedanken verlor. Genauso schnell wie es gekommen war, verschwand es auch wieder.
Die Erkenntnis traf mich wie ein Stromschlag. Ich sah, was meine Augen nicht entdeckten ? hörte, was meine Ohren nicht erreichte.
Die Straßenlaternen erhellten die Gehsteige und Fahrbahnen nicht mit dem Licht ihrer Neonröhren. Kein einziges Fenster der unzähligen Wohnungen in diesem Wohngebiet, die ich überblicken konnte, war erleuchtet. Kein Mensch war auf den Straßen und Wegen zu sehen. Kein Geräusch durchbrach die Stille.
Das ständige Rauschen des Verkehrs, das sonst zu jeder Tages- und Nachtzeit zu hören war, fehlte. Ich drehte mich hastig um. Durch die laublosen Bäume konnte ich direkt auf die Hauptstraße sehen. Kein Auto, dessen Scheinwerferlicht sich zwischen den Baumstämmen verirrte ? keine Menschen, die vorbeihasteten.
Verstört blickte ich auf meine Armbanduhr und klopfte gegen das Uhrglas. Zeigte mein Chronometer die richtige Zeit an?
War es vielleicht noch mitten in der Nacht? Hatte ich mich im Tag geirrt? War heute gar nicht Dienstag, sondern Sonntag? Oder ein Feiertag?

Ich wusste genau, dass dies nicht die Erklärung sein konnte. Egal welcher Tag heute war und egal zu welcher Stunde, in diesem Wohngebiet waren normalerweise zu jeder Tages- und Nachtzeit Menschen unterwegs. Immer konnte man Licht aus einzelnen Fenstern scheinen oder Autos auf den Straßen fahren sehen. Was zum Teufel geschah hier?
Mein Auto ? ich beschleunigte meinen Schritt und stand kurze Zeit später davor. Der Wagen stand völlig unberührt auf seinem Parkplatz, alles schien wie immer. Dennoch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich etwas verändert hatte. Wenn es gerade jetzt Dienstag und sieben Uhr morgens war, und dessen war ich mir sicher, mussten einige der Mietparkplätze frei sein. Uwes Wagen stand auf seinem Platz, obwohl er jeden Tag gegen fünf Uhr früh das Haus verließ. Hatte mein Nachbar verschlafen?
Alle Stellplätze waren besetzt. Alle Wagen standen an ihrem Platz, nebeneinander aufgereiht. Nirgends gab es eine Lücke.
Aufseufzend stieg ich in mein Auto, das gehorsam ansprang. Ich atmete tief durch. Wenigstens etwas, das normal schien. Ungewohnt laut dröhnte der Motor auf, als ich losfuhr. Überall offenbarte sich mir der gleiche Anblick: Die Straßen waren dunkel, keine einzige Straßenlaterne brannte. Ich konnte nirgendwo einen Menschen entdecken. Kein Fenster war erleuchtet. Autos parkten ordentlich abgestellt am Straßenrand oder in den zur Verfügung stehenden Parkzonen. Die Straßen waren verlassen, ich hatte absolut freie Fahrt. Eigentlich war dies der Traum eines jeden Autofahrers - dennoch spürte ich Angst in mir aufsteigen, fühlte, wie Panik nach mir zu greifen begann.
Unbewusst hatte mich mein Weg in die Schule geführt. Ich stellte den Wagen auf meinem Parkplatz ab und blickte mich im Hof um. Nichts. Keine Kinder ?
In der Schule brannte kein Licht. Weder das Foyer noch die Treppenhäuser waren beleuchtet. Keine Menschenseele weit und breit.
Langsam stieg ich die Stufen zum Eingang hoch. Entgegen meiner Erwartung war die Eingangstür nicht verschlossen. Ein leiser Anflug von Hoffnung keimte in mir auf. War doch jemand in der Schule?
Ich betrat das Foyer. Kein Laut war zu hören. Meine Hand tastete nach dem Lichtschalter.
Die grellen Halogenleuchter erhellten den langen Gang des Erdgeschosses, der Strom funktionierte also.

"Hallo?" Unnatürlich laut schwang meine Stimme durch diesen Teil des Schulgebäudes. Wieder folgte Stille. Beinahe panisch durchsuchte ich jede Etage. Keiner der Räume war verschlossen, gleichwohl aber alle Zimmer verlassen.
Meine Schritte hallten durch die leeren Gänge und wurden von den Wänden zurückgeworfen. Das schallende Echo vermittelte mir das unangenehme Gefühl, doch nicht allein zu sein. Verfolgte mich jemand? Ich verharrte bewegungslos, lauschte, ohne zu atmen.
Doch nur der pulsierende Herzschlag dröhnte in meinen Ohren. Eiskalt hüllte mich das grelle Licht der Deckenlampen ein.
Was immer ich zu hören glaubte, da war nichts ? ich war allein in diesem Gebäude. Unschlüssig kehrte ich in die Vorhalle zurück und blieb dort stehen. Was sollte ich jetzt tun? Die erste Schulstunde hätte gleich beginnen müssen und noch immer zeigte sich keine Menschenseele.
Kurz entschlossen betrat ich das Sekretariat. Mein Blick blieb am Telefonapparat, der auf dem Schreibtisch stand, hängen. Schnellen Schrittes eilte ich hin, nahm den Hörer ab und stellte erleichtert fest, dass das Freizeichen ertönte. Nicht nur der Strom, auch das Telefon schien zu funktionieren.
Die erste Nummer, die mir in den Sinn kam, war die meiner Eltern ? ich drückte die mir so vertrauten Ziffern auf der Telefontastatur.
Ich wusste, dass beide noch nicht auf dem Weg zur Arbeit waren. Sie mussten einfach noch zu Hause sein, hoffte ich inständig. Schrilles Klingeln ertönte im Hörer.
"Bitte geht ran! Bitte geht ran!", flehte ich in Gedanken. Nach dem vierten Freizeichen sprang der Anrufbeantworter an. Das Band spulte den üblichen Text ab. Die Stimme meines Vaters klang merkwürdig hohl, es war seine Stimme und doch auch wieder nicht.
"Hey! Ich bin?s! Seid ihr da? Bitte geht ran! Ich muss euch unbedingt sprechen! Bitte! Irgendetwas stimmt nicht! Könnt ihr mich hören?"
Keine Antwort, nur das gleichmäßige Rauschen des Anrufbeantworters drang durch die Leitung. Dann plötzlich ein Knacken.
Hoffnung schoss in mir hoch und schnürte mir kurzzeitig die Luft ab. Ich brauchte Sekunden, um zu begreifen, dass der Anrufbeantworter die Verbindung unterbrochen hatte.
Tränen traten in meine Augen und hinterließen salzige Spuren auf meinen Wangen. Mit zitternden Fingern wählte ich die nächste Nummer. Nichts.
Wieder eine andere und noch eine. Nichts. Niemand. Stille.
Immer nur die Anrufbeantworter, die ihre gespeicherten Texte abspulten. Mit den Stimmen der mir nahestehenden Verwandten und Freunde. Stimmen, die dennoch nicht die ihren waren. Das panische Gefühl in mir verstärkte sich.
Fast fluchtartig verließ ich die Schule und stieg wieder in meinen Wagen. Meine Hände krampften sich um das Lenkrad. Was sollte ich jetzt tun? Ich verstand nicht, was hier vor sich ging und was mit mir passierte.

Noch immer liefen Tränen über meine Wangen. Ein Gefühl der Erleichterung wollte sich aber nicht einstellen. Mein Gehirn bemühte sich vergebens, eine rationale Erklärung für dies alles zu finden, doch es gelang ihm nicht.
Furchtbare Angst schoss in mir hoch, wie ich sie nie zuvor in meinem Leben empfunden hatte. Ich musste versuchen, jemanden zu finden. Irgendwo sollten auch andere Menschen sein. Im selben Moment wollte erneut etwas Fremdes, Unheilvolles Oberhand über meine Gedanken gewinnen. Doch ich wehrte mich, ließ diese Attacke nicht zu. Erfolgreich blockte ich den Angriff ab ? noch!

Wo sollte ich suchen?
Christian war es, der mir als erster einfiel, auch deshalb, weil das Haus seiner Eltern nicht weit von der Schule entfernt war. Ihn hatte ich bisher auch noch nicht anzurufen versucht.
Betont langsam fuhr ich durch die Straßen, um jedes Lebenszeichen von draußen wahrnehmen zu können. Es war noch immer nicht heller geworden. Eine undurchdringliche, graue Wolkenbank lag unheilvoll über der Stadt und verschlang den Horizont in düsterem Nichts.
Aufmerksam musterte ich jeden Hauseingang, warf suchende Blicke in die Nebenstraßen und hoffte auf eine Regung, irgendwo!
Vor Christians Haus ließ ich mein Auto langsam ausrollen. Die Wagen der Eltern und seiner Schwester parkten am Straßenrand sowie in der Toreinfahrt und der einsehbaren Garage.
Sie mussten also zu Hause sein. Doch auch dieses Haus schien verlassen. Ich öffnete die kleine Gartenpforte und stieg die Stufen bis zur Haustür hinauf. Entschlossen drehte ich am Knauf. Versperrt.
Mit einem Blick durch die milchige Glasscheibe der Tür versuchte ich, etwas im dunklen Inneren auszumachen. Nichts.
Ich klingelte. Nichts geschah, also betätigte ich die Klingel ein weiteres Mal und wartete noch einige Sekunden. Doch keiner öffnete mir. Nicht einmal Lady, die Golden-Retriever-Hündin, kam angesprungen, wie sie es sonst immer tat, wenn Besucher eintrafen. Ich drehte ein weiteres Mal am Knauf und zu meiner Überraschung ließ sich die Tür dieses Mal öffnen.
Vorsichtig trat ich ein und lauschte.
Doch nur Stille und Schweigen wohnten in diesem Haus. Auch in diesem Gebäude durchsuchte ich jeden einzelnen Raum. Wieder ergebnislos. Niemand zu finden.
Strom, das Telefon, Wasser - alles funktionierte anstandslos, wie in der Schule. Aber sonst war dieses Haus leblos. Ich konnte die Leere spüren.

Das Gefühl, das mich erfüllte, hatte das Stadium der Unbehaglichkeit bereits weit überschritten. Waren es meine Schritte, die sich so schlurfend über den Asphalt zogen, als ich zu meinem Auto zurückkehrte?
Meine Finger krallten sich um das Lenkrad - Gedanken marterten mein Gehirn.
Erneut versuchte eine obskure Macht von mir Besitz zu ergreifen. Mit letzter Energie gelang es mir, die Bedrohung noch einmal abzuwehren. Ich konnte noch kämpfen!
Kurz entschlossen fuhr ich zurück zu meiner Wohnung. Wie erwartet, nein, wie erhofft, stand Uwes Audi noch immer auf seinem Parkplatz. Der Wagen war da, also musste auch mein Nachbar zu Hause sein.
Der Weg durch das Treppenhaus, die Stufen hoch bis in die letzte Etage zu meiner Wohnung, war eine einzige Tortur. Diese lähmende Stille, nur durch meine Schritte unterbrochen, schien bemüht zu sein, alle Gedanken in meinem Kopf zu verdrängen, um Raum für Angst und Verzweiflung zu schaffen.

Uwes Wohnungstür befand sich direkt neben meiner. Ich atmete einmal tief durch und betätigte dann die Klingel. Noch mal. Und noch mal.
Nichts außer Stille!
Mit zitternden Händen kramte ich den Schlüsselbund aus der Handtasche hervor, öffnete meine Tür und nahm den Wohnungsschlüssel meines Nachbarn vom Brett. Doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Auch seine Tür war unverschlossen und sprang von alleine auf.

Sogleich umfing mich wieder diese beängstigende Stille. Ich wagte nicht, zu rufen. Es wäre auch sinnlos gewesen. Wie schon in der Schule und bei Christian fand ich auch diese Wohnung verlassen vor.
Wieder übermannte mich panische Angst, die sich dann aber mit dem verlockenden Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit mischte.
Es würde alles gut werden, redete ich mir ein, wenn ich nur sofort in meine Wohnung zurückkehrte.
Erwartungsvoll verließ ich Uwes Wohnung, schloss erneut meine Tür auf und trat in den Flur. Noch immer lockte mich dieses unwiderstehliche Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit.
Dann erkannte ich auch warum. Das rote Lämpchen meines Anrufbeantworters blinkte in regelmäßigen Abständen auf. Das bedeutete, dass während meiner Abwesenheit jemand angerufen haben musste. Mein Zustand war als hysterisch zu bezeichnen, als ich den Abspulknopf drückte, um das Band abzuhören. Ich biss auf meine Lippen, um ja keinen Laut zu geben. Gebannt starrte ich auf das Gerät und horchte ?
Außer einem Rauschen, das aus weiter Ferne zu kommen schien, war nichts zu hören.
Aber noch immer lockte dieses Gefühl. Ein leises Raunen durchbrach die Stille und schwoll zu einem Flüstern an. Etwas war auf dem Band, das langsam immer lauter zu werden schien.
Meine Anspannung wuchs ins Unermessliche. Endlich schien das Warten ein Ende zu haben, Worte schälten sich aus dem Gemurmel und gewannen an Deutlichkeit.

Die geheimnisvolle Stimme hüllte mich ein, benebelte mich. Es war, als schwebte die Stimme im Raum. Leise und eindringlich.
"Allein, ganz allein! Niemand! Nur du! Allein! Allein! ALLEIN!"

Nur noch von blankem Entsetzen beherrscht, stolperte ich aus der Wohnung und rannte fluchtartig die Treppen hinunter.
Erst als ich mich frierend vor der Haustür wiederfand, konnte ich einen ersten klaren Gedanken fassen.
Um mich herum herrschte diese absolute Stille, die mich schon den ganzen Morgen über begleitete. Aber tief in mir dröhnte unaufhörlich die unheimliche Stimme, die mehr und mehr Besitz von mir ergriff:
"ALLEIN! ALLEIN!"

Ich hastete zurück ins Auto und schoss los, raste quer durch die Stadt. Mit nur einem Ziel - das Haus meiner Eltern, in dem ich aufgewachsen war. Dort hatte ich stets Zuflucht gefunden und konnte mich in Sicherheit wiegen. Im Haus meiner Eltern würde ich Antworten auf meine Fragen finden.
Ohne dass mich etwas oder jemand behinderte, raste ich mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt. Gleich wohin ich meinen Blick wandte ? gähnende Leere. Jeder Winkel der Metropole bot denselben Anblick ? menschenleer ? und war wie ausgestorben. Noch immer verbarg sich das Tageslicht hinter undurchdringlichen Wolken. Es schien, als ob die ganze Stadt in ein ewiges Halbdunkel gehüllt war.

Als ich endlich vor dem Haus meiner Eltern stand, fühlte ich, wie meine Hoffnung langsam in sich zusammenfiel. Das Haus wirkte ebenso verlassen wie all die anderen. Kein Licht, keine Bewegung. Nichts, das darauf hindeutete, dass Leben in diesem Haus war. Auch hier waren die Türen geschlossen, aber nicht versperrt. Ich drückte die Klinke nach unten. Ein klangloser Raum und eine Schwärze, die beinahe greifbar schien, wirkten auf meine angeschlagene Psyche.

Nicht einmal die mir sonst so vertrauten Gerüche erwarteten mich. Das Haus wirkte steril, nicht echt und dennoch war es jenes Haus, in dem ich groß geworden war.
Erst zaghaft, dann lauter rief ich nach meinen Eltern.
Keine Antwort. Nur das Echo meiner eigenen Stimme hallte durch das Haus. Langsam begann ich es zu akzeptieren.

"ALLEIN!"
Wimmernd durchsuchte ich das ganze Haus, kroch in jeden Winkel, bis hinauf auf den Dachboden. Hektisch durchwühlte ich jeden Schrank und sah in jeder Schublade nach.
Obwohl ich wusste, dass ich niemanden finden würde, wollte ich nicht aufhören, zu suchen. Meine Verzweiflung war so grenzenlos, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Irgendwann fand ich mich mitten im Wohnzimmer auf dem Fußboden wieder. Wie lange ich dort gelegen hatte, wusste ich nicht genau.
Ein Blick zur großen Standuhr meiner Eltern. Es war kurz nach elf Uhr. Vormittags? Ich vermutete es, obwohl es draußen noch immer nicht heller geworden war.
Seit heute Morgen war alles anders.
Langsam erhob ich mich, rang krampfhaft nach Luft. Eine unsichtbare Macht griff nach mir, wollte mich zu sich zerren. Ich widerstand ihrer Kraft. Stattdessen richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Anrufbeantworter. Auf dem Display leuchtete mir eine Eins entgegen. Ein Anruf. Das Blinken der Wiedergabetaste zeigte mir an, dass dieser Anruf noch nicht abgehört worden war. Geschockt wich ich zurück, Schritt für Schritt, und zog mit einer heftigen Bewegung die Tür hinter mir zu.
In der Küche setzte ich mich an den Tisch und vergrub mein Gesicht in den Händen.
Panik, Angst, Hilflosigkeit, Entsetzen, Einsamkeit ? meine neuen Wegbegleiter. Irgendwann schlief ich am Küchentisch ein und erwachte erst Stunden später. Starker Regen hatte eingesetzt und verschlang auch den Rest des Tageslichts.
Ich begann erneut, ziellos durchs Haus zu wandern. Apathisch öffnete ich wieder und wieder jede Tür, immer hoffend, dass da doch jemand war, der mir helfen konnte. Immer wieder verlor ich das Bewusstsein und wachte an unterschiedlichen Orten im Haus auf. Auf dem Fußboden, auf einem Stuhl, auf der Couch in einem der Zimmer. Ich spürte, wie der letzte Rest meiner Kraft mich verließ, totale Erschöpfung breitete sich in meinem Körper aus. Mein Zeitgefühl hatte ich schon vor Ewigkeiten verloren. Die Möbel des Hauses drehten sich um mich herum. Oder drehte ich mich etwa im Kreis?
"ALLEIN!"
Es fiel mir immer schwerer, mich der eindringlichen Stimme in meinem Kopf zu erwehren.
"ALLEIN!"
Ruckartig erhob ich mich. Ich hatte einen Entschluss gefasst.
Der Kühlschrank war erstaunlicherweise bis zum Rand mit frischen Lebensmitteln gefüllt. Ich zwang mich, eine Kleinigkeit zu essen, und machte mir ein Verpflegungspaket zurecht. Im Arbeitszimmer meines Vaters suchte ich mir einen Stadtplan heraus, holte ein Regencape aus dem Schrank meiner Mutter und packte alles eilig ins Auto. Zu jedem einzelnen Schritt musste ich mich zwingen, es schien, als ob die Stimme bemüht wäre, mich von meinem Entschluss abzubringen. Irgendwie gelang es mir, mich ins Auto zu setzen und loszufahren.
Ich begann die Stadt abzusuchen, fuhr zuerst zu den Wohnungen aller Freunde und Bekannten, dann zu Kollegen - aber überall immer wieder das gleiche Bild! Unverschlossene, leere, kalte Wohnungen! Kein Hinweis auf auch nur eine einzige Menschenseele! Und überall blinkende Anrufbeantworter! Es kostete jedes Mal fast unmenschliche Kraft, diesen lockenden Gefühlen der Sicherheit und Geborgenheit nicht nachzugeben.
Auch draußen hatte sich nichts geändert, überall Dunkelheit, die alles einhüllte und verschluckte, und nicht enden wollender Regen.
Das war doch alles total absurd. Innerhalb weniger Stunden hatte sich alles verändert. Die Menschen einer ganzen Stadt waren spurlos verschwunden, hatten sich in nichts aufgelöst. Zeit schien keine Bedeutung mehr zu haben.

Was war passiert in der Nacht, als ich schlief und glaubte, an einem neuen, völlig normalen Tag wieder aufzuwachen? Warum war ich noch hier?
Die Menschen einer ganzen Stadt ...! Die Bremsen meines Autos quietschten jämmerlich unter der Belastung, als ich das Bremspedal voll durchtrat. Was war in anderen Städten? Vielleicht gab es dort Menschen, denen es genauso erging wie mir jetzt!
Egal was passiert war, wenn die Natur ihren Gesetzen noch weiterhin folgte, würde sie dafür gesorgt haben, dass einige ihrer Schöpfungen irgendwie überlebt hatten.
Das war die große Hoffnung, an die ich mich jetzt klammerte.
Ich schloss die Augen und lauschte in mich hinein. Im Moment schien dort nichts zu sein.
Doch die Stimme war nicht fort, sie lauerte noch immer in den hintersten Winkeln meines Gehirns und wartete. Aber warum hatte sich die böse Macht gerade jetzt zurückgezogen? Weil ich anfing zu begreifen? Oder spielte sie nur mit mir?
Das Auto war vor dem Postamt zum Stehen gekommen. Vorsichtig betrat ich die Schalterhalle. Auch hier erwartete mich das Übliche: Dunkelheit, Leere und Kälte.
Ich durchsuchte die Ablage mit den Telefonbüchern und griff nach dem erstbesten Band. Wahllos tippte ich Nummern in das Telefon hinter der Kasse ein. Keine Antwort.
Das nächste Telefonbuch, eine Nummer nach der anderen. Nichts. Nur das monotone Klingelgeräusch im Hörer.
Dann kehrte die fremde Macht zurück. Wollte sie mich verhöhnen?
Obwohl ich den Hörer noch in der Hand hielt, begann aus heiterem Himmel das Telefon zu klingeln. Erschrocken starrte ich es an, dann hielt ich widerstrebend die Hörmuschel ans Ohr.

"Allein, ganz allein! Niemand! Nur du! Allein! Allein! ALLEIN!"
Instinktiv hängte ich den Hörer mit einer schnellen Bewegung wieder ein, doch die Stimme wollte nicht verstummen, wurde vielmehr immer lauter. Mein Kopf drohte zu explodieren.

"ALLEIN! ALLEIN! ALLEIN!"
Ich presste meine Hände auf die Ohren. Es half nichts.
"Nein! Nein!" Meine ganze Hilflosigkeit, meine panischen Ängste, die Verzweiflung. Alles brach aus mir hervor.


Hier endet die Vorschau!
Legen Sie sich deshalb das Buch gleich in den Warenkorb oder bestellen Sie es bei Amazon als Ebook für Ihren Kindl