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Aus dem Buch: Der Schatten - Melanie Raabe
 
Prolog

Sie würde einfach verschwinden. Das Eis würde krachend nachgeben unter ihren Füßen, sie würde mit Wucht hinabgerissen werden, kein verzweifeltes Strampeln und Plantschen, um an der Oberfläche zu bleiben, kein Kampf, nur hinab, hinab, hinab in die Dunkelheit, die Stille. Als Kind war sie häufig auf dem zugefrorenen Teich herumgelaufen, der zwischen den letzten Häusern des Ortes und den Feldern lag. Die Möglichkeit, einzubrechen, war ihr damals noch nicht so klar gewesen.
Dass es einen solchen Ort gab. Ein kleiner See mitten im Wald, umstanden von Bäumen, deren Äste unter der Last des Neuschnees herabhingen wie in Trauer. Die Taubheit in den Fingerkuppen, der klirrende Schmerz in ihren Zehen. Sie schwenkte die Taschenlampe hin und her. Niemand außer ihr war hier. Sie waren nicht gekommen. Und doch waren da Spuren. Hatte sie die beiden verpasst? War sie zu spät? Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Nein. Sie schaltete die Taschenlampe aus. Als sie den Waldweg entlanggegangen war, langsam, Schritt für Schritt, da war der körnige Lichtstrahl unentbehrlich gewesen. Nun, wo sie aus dem Schatten der Bäume hervorgetreten war, brauchte sie die Taschenlampe nicht mehr.

Die Sterne waren so hell hier draußen, so fern von der Stadt. Das Geräusch gefrierender Blätter. Eine gleißende, nächtliche Welt. Kurz vergaß sie, warum sie mitten in der Nacht an diesen Ort gekommen war. Den Verrat, die Wut, die Schmerzen - alles. Sie machte einen Schritt auf das Eis. Hielt inne, horchte. Es knackte. Ein schlafendes Lebewesen, das im Traum schwache Laute von sich gab.
Sie hörte genauer hin, richtete den Blick zum Himmel, schloss die Augen. Die Stille klang nach Gesang. Ein Choral. Seltsam, dachte sie. Wind kam auf, scharf wie eine Klinge, und trug den Geruch von Neuschnee herbei. Sie zog den Kopf ein, die Schultern hoch. Der milchige Glanz der Sterne. Das Gefühl, dass sie nicht hier sein sollte. Dann sah sie es. Ein Gegenstand, auf dem Eis. Sie zögerte, bückte sich, um das, was dort im Schnee lag, besser erkennen zu können. Streckte die Hand aus. Blinzelte, als ihr Gehirn begriffen hatte, was ihre Augen da sahen. Zog die Hand zurück. Ein toter Vogel, dunkel gegen den weißen Schnee, noch nicht gefroren. Sie richtete sich auf - sie glaubte an Zeichen -, wandte sich jäh um. Ihr Atem ging plötzlich sehr laut. Niemand. Da war niemand. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse. Nichts, niemand, nur sie und die Nacht selbst. Noch einmal blickte sie hinauf zu den Sternen, dann fasste sie ihren Entschluss. Sie würde es tun. Sie würde sie zerstören. Sie alle. Aber vor allen Dingen sie. Norah.

1
Norah liebte Abschiede. Momente des Übergangs. Die Minuten auf der Schwelle zwischen Nacht und Tag, Winter und Frühjahr. Geburten, Hochzeiten, Silvesternächte. Ein neues Leben, eine zweite Chance. Wiedergeburten. Das Alte ausradieren, einen neuen Stift in die Hand nehmen. Warum weinst du dann? Die undurchdringliche Schwärze der Wälder. Der Himmel grün und blau geschlagen von der Nacht. Die Straße vor ihr endlos. Norah blickte der Dunkelheit entgegen, mit weit offenen Augen. Ihr altes Leben verschwand im Rückspiegel. Wurde kleiner und kleiner. Unwirklich fast. Ihre Arbeit. Der Mann. Ihr Zuhause. Der Hund. Die Katastrophe. Norah wischte die Tränen fort. Eines Tages würde sie verwinden, was in Berlin geschehen war. Das Leben war nicht fair, das hatte sie inzwischen gelernt. Sie würde es überleben. Die Wut und die Bitterkeit würden nie ganz verschwinden, doch sie würden an Schärfe verlieren wie ein vor langer Zeit gestochenes Tattoo. Die Schwere, die in den letzten Wochen und Monaten auf ihr gelastet hatte, ließ schon jetzt mit jedem Kilometer nach, den sie sich von ihrem Berliner Zuhause entfernte, das nun nicht mehr ihr Zuhause war. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen, als sie gegangen war.
Vor ihr lagen noch mindestens sechs Stunden Fahrt. Norah drosselte die Geschwindigkeit, lenkte den Wagen um eine Kurve, zwang sich, sie nicht zu schneiden. Sie schaltete das Radio ein, und aus den kleinen Boxen drang elektronische Musik. Schon seit einer ganzen Weile war ihr kein anderes Auto mehr entgegengekommen. Das war schön so. Das Geräusch des Asphalts unter den Reifen, die leise Musik, die Wälder, die Ruhe, der Aufbruch. Das letzte Licht schwand. Der Nadelwald, durch den die gewundene Straße führte, schien sich zu verdichten. Sie lenkte den Wagen um eine weitere, lang gezogene Kurve, trat das Gaspedal durch, hob den Blick vom Asphalt - und dann waren da plötzlich die Sterne. Eine Handvoll, ein Dutzend, Tausende, zahllose, unendlich viele. Ein Blick auf das Navigationsgerät zeigte ihr, dass sie immer noch fast fünfhundert Kilometer vor sich hatte. Egal. Sie drosselte die Geschwindigkeit, fuhr rechts ran, hielt. Starrte durch die Windschutzscheibe gen Himmel und schaltete schließlich Radio, Motor und Scheinwerfer aus. Norah öffnete die Autotür, stieg aus, trat auf die Mitte der Straße, legte den Kopf in den Nacken. Dort! Die Gestirne mit feinstem Pinsel auf das Himmelszelt gesetzt. Sie lächelte. Einen Moment lang blieb sie so stehen. Spürte die Kälte zuerst auf ihren Wangen, dann in ihren Fingerspitzen, durch das dünne Material ihrer schwarzen Lederhandschuhe hindurch, schließlich in ihren Zehen, den Blick immer noch gen Himmel gerichtet. Sie hatte einmal gewusst, warum die Sterne funkelten, es jedoch wieder vergessen. Da, ein Knacken, sie drehte sich um, starrte ins Dunkel. Waldgeräusche. Sie lächelte über das plötzlich heftige Schlagen ihres Herzens. Wälder. Ihr Atem. Eine schnurgerade Straße vor ihr - und über ihr der Himmel. Nichts, wovor es sich zu fürchten galt. Ohne Hast stieg sie wieder in ihren Wagen, schaltete die Scheinwerfer ein, startete den Motor. Auf dem Beifahrersitz lag ihre Handtasche, auf der Rückbank hatte sie ein paar persönliche Gegenstände gestapelt, sonst nichts. Die Umzugskartons, die sie so hastig gepackt hatte, warteten bereits in Wien auf sie. Alles neu, sie war frei. Norah schaltete das Radio ein. Wechselte den Sender. Und dann waren da nur noch sie und die Straße und die Musik.

2
Als Norah am nächsten Morgen erwachte und barfuß ans Fenster ihrer Wiener Wohnung trat, tauchte die Wintersonne die prächtigen Fassaden der Häuser gegenüber bereits in milchiges Licht. Sie öffnete das Fenster und genoss einen Augenblick lang die knackige Kälte, die ihr Gesicht traf und ihre Wangen rötete, während unter ihr die Stadt zum Leben erwachte wie ein einziger Organismus. Verkehrslärm drang herauf, der die Rufe einer Gruppe Schulkinder, die gerade die Straße überquerte, beinahe übertönte. Tief atmete Norah ein, dann schloss sie das Fenster wieder und sah sich um. Wie klein ihr Leben war. Ihr Bett nur ein paar Stücke Holz, die neben dem eingerollten und zusammengebundenen Lattenrost auf dem Boden ihres neuen Schlafzimmers lagen, zufällig auf dem Parkett verteilt wie ein auseinandergefallenes Skelett. In der vergangenen Nacht hatte sie auf ihrer Isomatte geschlafen und dabei bei jeder Bewegung den harten Boden unter sich gespürt. Und dann waren da noch die Umzugskartons. Achtundvierzig Stück. Alles, was sie aus dem alten in ihr neues Leben herübergeschafft hatte. Auf gut Glück öffnete sie eine der Kisten, die mit Kleidung beschriftet waren. Sommersachen, Flipflops, ihr weißer Bikini, den sie für den Urlaub auf Sardinien gekauft hatte, wo sie im letzten Jahr ihren vierunddreißigsten Geburtstag gefeiert hatten.
Sie hatte viel zu hastig gepackt, hatte nur noch weggewollt aus der Wohnung am Prenzlauer Berg. Alex hatte ihr fassungslos zugesehen, überrollt von den Ereignissen. Er fand keine Worte, und sie hätte sie auch gar nicht hören wollen. Norah verschloss den Karton wieder, öffnete einen zweiten, dritten, vierten: Bettwäsche. Ihre Taucherausrüstung. Eine Wolldecke. Hemden und T-Shirts. Aber weit und breit kein warmer Pullover. Seufzend griff sie nach einer schwarzen Bluse und streckte sich. Die Kartons, die von den Mitarbeitern des Umzugsunternehmens in den verschiedenen Räumen ihrer neuen Wohnung aufgetürmt worden waren, wirkten zwischen den kahlen weißen Wänden und unter den hohen Decken wie Objekte in einem Museum für Moderne Kunst. Nur wenige Dinge waren in ihrer neuen Wohnung bisher an ihrem Platz: ihr Schreibtisch im Arbeitszimmer, die Couch und der Fernseher davor, der in einer Ecke im Wohnzimmer stand und den Norah laufen lassen konnte, wenn ihr die Stille zu laut wurde - und die Kaffeemaschine in der Küche. Der Rest war Wüste. Nein, dachte sie. Keine Wüste. Ein weißes Blatt Papier, das sie bemalen konnte. Plötzlich musste Norah lächeln.
Das Treppenhaus roch nach feuchtem Teppich und Filterkaffee, als sie wenig später die Wohnung verließ und abschloss. Gerade wollte sie die Stufen nach unten nehmen, da hörte sie etwas, ganz leise. Sie wandte sich um. Erst, als sie den Blick nach oben wandte, sah sie die kleine schwarze Katze, die unschlüssig auf der Treppe zwischen dem zweiten und dritten Stock des Mietshauses stand und Norah schüchtern ansah. "Hallo", sagte Norah. "Wo kommst du denn her?"
Instinktiv ging sie in die Hocke und streckte die Hand aus. Das Kätzchen starrte sie an. Schließlich setzte es sich in Bewegung, zögerlich erst, dann immer mutiger. Vorsichtig streichelte Norah ihm das Köpfchen. Als Kind hatte sie sich immer eine Katze gewünscht, doch ihre Mutter hatte keine Haustiere in der Wohnung haben wollen. Und als Norah alt genug war, um nicht mehr auf die Erlaubnis anderer angewiesen zu sein, arbeitete sie längst zwölf Stunden am Tag in der Redaktion und hatte keine Zeit mehr für eine Katze. Das Tier hatte seine anfängliche Vorsicht vergessen, drückte den Kopf an Norahs Handrücken, bog mit geschlossenen Augen den Rücken durch und begann doch tatsächlich zu schnurren. "Katinka?", hörte Norah plötzlich eine Stimme von oben, aus dem Stockwerk über ihr. Die Katze hob den Kopf, offenbar unsicher, ob sie dem Ruf folgen oder sich lieber noch eine Weile von ihrer neuen Eroberung streicheln lassen sollte. Schließlich entschied sie sich für Letzteres und strich Norah, die sich wieder erhoben hatte, kokett um die Beine. "Hallo", rief Norah ins Treppenhaus hinein. "Falls Sie Ihre Katze suchen, die ist hier." Ein Lachen ertönte, dann waren da Schritte, und zwei Sekunden später eine Stimme, die sagte: "Na, Katinka? Belästigst du wieder die Nachbarn?" Und dann: "Sorry. Irgendwie ist sie mir ausgebüchst. Ich bin übrigens Theresa. Dritter Stock." Einen Augenblick war Norah wie gelähmt. Diese beinahe mandelförmigen blauen Augen mit den blonden Wimpern, der kleine, wie von einem Pinselstrich geschwungene Mund, die Sommersprossen ... "Gehts Ihnen nicht gut?", fragte die junge Frau, doch Norah hörte sie kaum.
Diese Ähnlichkeit ... "Alles klar mit Ihnen?", fragte die Frau erneut. Endlich schaffte Norah es, sich ein Lächeln abzuringen. "Ich schlafe wohl noch", meinte sie. "Entschuldigen Sie bitte." Sie schüttelte die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. "Norah", fügte sie hinzu. "Zweiter Stock." "Cool", sagte die Frau. "Freut mich." Sie warf einen Blick über die Schulter. "Ich gehe jetzt wohl mal besser und fange den kleinen Teufel ein." Bedächtig nahm Norah die Stufen ins Erdgeschoss hinunter. Gehts Ihnen nicht gut?, hatte die Frau gefragt. Wie gut konnte es einem gehen, wenn man gerade einen Geist gesehen hatte?

3
Wien zeigte ihr die kalte Schulter. Als sie vor einigen Jahren mit Alex im Sommer in der Stadt gewesen war, da war sie ganz bezaubert gewesen von dieser eigensinnigen Metropole, die so anders war als jeder Ort, den Norah kannte. Das schien ewig her. Nun wirkte alles so düster. Edvard Munchs Vision von einem Wien, ein Finsterwald aus Asphalt, verzerrt und bedrohlich. Norahs leere Wohnung, die Düsternis der Straßen. Die Passanten mit ihren Smartphones, die Melancholie, die wie ein schmieriger Film über allem lag, allumfassend und unsichtbar. Und die gottverdammte Kälte. Im Kiosk schräg gegenüber kaufte Norah sich eine österreichische und eine deutsche Tageszeitung sowie eine Packung Zigaretten und setzte sich damit in das Eck-Bistro. Als sie den ersten Schluck Kaffee nahm, war die Wucht der Erinnerung, die sie beim Anblick von Theresa gestreift hatte, ein wenig geschwunden, und ihre Gedanken wandten sich wieder dem zu, was vor ihr lag. Offiziell würde ihr neues Arbeitsverhältnis erst in zwei Wochen beginnen, doch Norah brannte darauf, endlich wieder an die Arbeit zu gehen. Weswegen sie auch begeistert gewesen war, als ihr neuer Chefredakteur sie vorab zu einem Gespräch in die Redaktion eingeladen hatte. Tatsächlich war es nach ausgiebigen Telefonaten das erste echte Kennenlernen. Ein wenig nervös war sie ja doch. Sie wusste, dass sie eine gute Journalistin war, sie hatte mit einigen ihrer Reportagen Preise gewonnen, und es hatte schon in der Vergangenheit Abwerbeversuche anderer Häuser gegeben. Aber das war alles vorher gewesen. Vor dem, was sie in ihrem Kopf nur die Katastrophe nannte. Danach war ihr das Jobangebot aus Wien wie ein grausamer Scherz erschienen. Es war viel zu gut, um wahr zu sein. Dr. Mira Singh, die Verlegerin, hatte sie höchstpersönlich angerufen. Durch Norahs Reportage über Soldatinnen in Afghanistan sei sie auf sie aufmerksam geworden, habe anschließend alles gelesen, was sie in den letzten Jahren veröffentlicht habe und schätze ihre Arbeit sehr. Ihre Beobachtungsgabe, ihr Gespür für Themen. Man habe in Wien gerade ein neues Wochenmagazin gegründet und stelle sich eine top besetzte Redaktion vor, die sich - statt mit der Geschwindigkeit des Internets konkurrieren zu wollen - durch aufwändig recherchierte Geschichten von profilierten Autorinnen und Autoren von der Masse der Magazine absetzen wolle. Für Norah hatte das regelrecht paradiesisch geklungen. Wo war der Haken? Sie hatte Singh gefragt, ob sie wisse, dass sie gerade eine Klage am Hals habe, und diese hatte nur gemeint, sie kenne den Text, um den es gehe. Sie suche eine Frau mit Haltung und glaube, sie in ihr gefunden zu haben. Einen Tag Bedenkzeit hatte sich Norah erbeten. Aus Prinzip. Dann hatte sie zugesagt. Was sonst hätte sie tun sollen? Und nun war sie hier.
Die Redaktion befand sich unweit des Stephansdoms, im touristischsten Teil der Stadt, direkt an einer der riesigen Einkaufsmeilen mit ihren Fast-Food-Läden und Bekleidungsketten - ein Angebot, das in jeder größeren europäischen Stadt, die Norah bereist hatte, nahezu identisch war. Norah kannte die Gegend von einer ihrer früheren Reisen nach Wien. Von morgens bis abends war sie von Touristen und allen, die von ihnen lebten, bevölkert. Da waren die Reisegruppen auf dem Weg zum Stephansdom, die Trickdiebe, die Straßenmusiker, hier und da ein paar gestresste Städter, die versuchten, sich halbwegs effizient durch die Menschenmassen zu bewegen, die Teenager, die Selfies auf ihren iPhones machten. Und die Bettler. Die Obdachlosen. Wie Geister kamen sie ihr vor. Ihre Rufe hallten durch die Straßen, immer und immer wieder, wie die von Gespenstern. Hallo? Hallo? Und die Lebenden fröstelten, wenn sie ihre Stimmen vernahmen, und taten so, als hörten sie nichts. Vor vielen Jahren hatte sie einmal eine Reportage über minderjährige Obdachlose machen wollen, ihren damaligen Chef aber nicht dafür interessieren können. Vielleicht war jetzt die Zeit reif für so eine Story? Norah zündete sich eine Zigarette an und ging gedankenverloren die Straße hinunter. Mit der Zunge spielte sie an einem ihrer Backenzähne herum, auf dem ein seltsamer Druck lag, so, als sei der Zahn sich unsicher, ob er ihr nun wehtun wollte oder nicht. Das fehlte noch. Sie wollte am Abend einkaufen gehen, nicht zum Zahnarzt. Vor dem H&M saß ein unscheinbares Mädchen. Höchstens Anfang zwanzig, kastanienbraunes Haar unter der schwarzen Wollmütze, Army-Parka, abgekaute Fingernägel, ein Schild vor sich. Ich habe Hunger. Daneben ihr Schäferhund. Ein Stück weiter: ein bebrillter Mann um die sechzig mit feinen Gesichtszügen. Dann war da noch der vermutlich psychotische Typ mit den blonden Dreadlocks, der die meiste Zeit über introvertiert vor sich hin murmelte und die Passanten anschnorrte, bisweilen aber ausfallend wurde und vorbeigehende Frauen mit erstaunlicher Phantasie und Ausdauer vulgär beschimpfte. Und dann war da noch sie. Eine ältere Frau mit eindrucksvollen Falten und klaren, hellblauen Augen. Mit der Art von Gesicht, mit dem Fotojournalisten Preise gewannen, wenn sie es irgendwo in einem entlegenen Bergdorf entdeckten. Sie saß oder kniete nicht auf dem Boden wie die meisten anderen Bettler. Sie stand, eine kleine, messingfarbene Schale vor sich, nicht etwa am Rand der Straße, die sich durch die Fußgängerzone zog, sondern genau in deren Mitte, völlig unbeeindruckt vom Gewühl um sie herum. Es war erstaunlich. Diese Frau, die Norah auf locker einen Meter und fünfundachtzig schätzte, stand im Weg, doch niemand rempelte sie an, die Hektik der Metropole umspülte sie wie das Wasser eine Flussinsel. Hin und wieder warf ihr ein Passant ein paar klimpernde Münzen in die Schale; sie bedankte sich nie. Stand einfach unbeweglich da, düster und aufrecht im stetigen Strom der Menschen. Ein Findling. Ein schwarzer Turm. Das Einzige an ihr, was sich bewegte, waren die Augen. Unwillkürlich fragte Norah sich, welche Geschichte diese Frau wohl zu erzählen hatte.
Sebastian Berger, Norahs neuer Chef, war ein großer, kräftiger Mann in den Fünfzigern, mit zurückgekämmtem, immer noch dunklem Haar. Er trug Jeans und ein braunes Jackett aus Tweed, das ihm, so fand zumindest Norah, etwas leicht Professorales verlieh. Vor allem aber trug er einen Gesichtsausdruck, der sagte: Sie habe ich mir aber ganz anders vorgestellt. Das war Norah gewohnt. Selbst mit Mitte dreißig wurde sie wegen ihres fein geschnittenen Gesichts und ihres zierlichen Körperbaus bei Terminen noch häufig für die Praktikantin gehalten. Als sie die Fotos von sich hatte anfertigen lassen, die auf verschiedenen Online-Portalen unter ihrem Autorenprofil auftauchten und die sicher auch Sebastian Berger gesehen hatte, hatte sie auf dunkle Kleidung und einen ernsten Gesichtsausdruck geachtet und letztlich die Bilder ausgesucht, auf denen sie am erwachsensten aussah. Im echten Leben standen ihr solche Tricks nicht zur Verfügung, und ihr war schon früh in ihrem Berufsleben klar geworden, dass sie härter arbeiten und tougher sein musste als die meisten, um sich Respekt zu verschaffen. Berger immerhin fing sich schnell, bot ihr einen Kaffee an, und sie setzten die Konversation über potenzielle Magazinthemen, die sie in den vergangenen Wochen bereits am Telefon begonnen hatten, fort. Als Norah gute zwei Stunden später im Aufzug nach unten fuhr, schwirrte ihr der Kopf vor lauter Ideen. Wie gut, zurück an die Arbeit zu gehen.
Draußen war es wärmer als am Morgen, die Temperaturen waren gestiegen. Norah wollte heute noch aufs Amt, ihr Auto ummelden, und falls die Wartezeit nicht den ganzen Tag in Anspruch nahm, konnte sie sich anschließend nach neuen Möbeln umsehen. Sie knöpfte den grauen Wintermantel auf, den sie über ihrem schwarzen Wollkleid trug, es war beinahe frühlingshaft mild, Sonnenschein, dunkelblauer Himmel. Keine Schatten in dieser Stadt, nirgendwo. Kurz hielt sie inne, als sie die Menschenmassen sah, die sich, vom herrlichen Wetter ins Freie gelockt, durch die Fußgängerzone walzten. Sog alles auf, was sich um sie herum tat. Der Geruch von Frittierfett, Passanten, Touristen, Streifenpolizisten, Leuchtreklame, Tauben, Zigarettenkippen, Coffee-to-go Becher, Absatzgeklapper. Ein Mann, der Touristen Rosen aufschwatzte, Hufgetrappel in der Ferne, Springbrunnen, Ballonverkäufer, Eistüten und Popcorn und Smartphone-Zombies und Trickdiebe. Norah wurde geschluckt, mit Haut und Haar, versuchte, schneller voranzukommen, vergebens. Wurde sogar ein Stück zurückgeworfen, als ihr eine riesige Reisegruppe entgegenkam. Norah ließ alle Höflichkeit fahren und kämpfte sich, die Tasche mit ihren Unterlagen für das Amt fest an den Körper gepresst, ohne Rücksicht auf Verluste voran. Sie war gerade so einem Rikschafahrer ausgewichen, der es aus unerfindlichen Gründen für eine gute Idee hielt, Fahrgäste durch dieses Gewimmel zu chauffieren, als ihr klar wurde, dass ihr Telefon klingelte. Sie fischte es aus der Tasche, warf einen Blick auf das Display, zuckte zusammen. Alex. Seit Norah erst ins Hotel und schließlich nach Wien gezogen war, hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Keiner von ihnen hatte sich beim anderen gemeldet. Norah starrte auf das Display, ihr war kalt. Sollte sie den Anruf annehmen oder ihn auf die Mailbox laufen lassen? Und dann war es zu spät. Alex hatte aufgegeben. Norah ließ das Handy in die Manteltasche gleiten, hob den Blick. Die alte Bettlerin von vorhin stand direkt vor ihr. Sie war so hochgewachsen, dass Norah zu ihr aufschauen musste. Instinktiv griff sie in ihre Handtasche und nach ihrem Portemonnaie, um der Frau ein paar Euro zu geben. "Du bringst den Tod", sagte die Frau. Ihre Stimme klang ruhig und rau. Stirnrunzelnd blickte Norah sie an. "Was haben Sie gerade zu mir gesagt?" Die Frau schien Norah gar nicht gehört zu haben. "Blumen welken", sagte sie. "Uhren bleiben stehen. Die Vögel fallen tot vom Himmel."
Ihr ernster Blick ruhte weiter auf Norah. Die Haare der Frau waren dunkler, ihre Augen heller, die Falten tiefer, als Norah es aus der Ferne wahrgenommen hatte. Da waren rötliche Sprenkel im hellen Türkis ihrer Iris, wie die winzigen Partikel von Blut, die sich bisweilen im Dotter eines Hühnereis fanden. Erst jetzt wurde Norah klar, dass sie es mit einer psychisch Kranken zu tun hatte. "Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten", fuhr die Frau fort. "Mit gutem Grund. Und aus freien Stücken." Kurz wusste Norah nicht, was sie sagen sollte. Sie öffnete gerade den Mund, als jemand oder etwas ihr einen harten Stoß in den Rücken versetzte. Norah taumelte, ließ die Mappe mit ihren Unterlagen fallen und sah, wie ein paar lose Blätter davonsegelten. Sie bückte sich, griff nach ihnen, richtete sich wieder auf. Die Bettlerin war verschwunden. Irritiert sah Norah sich um. Eine Gruppe chinesischer Touristen drängte sich an ihr vorbei, dann ein junges Pärchen mit Kinderwagen. Wo war sie nur hin? Norah schob sich zwischen zwei Fußballfans mit Rapid-Wien-Schals hindurch, hielt Ausschau nach der Frau, die so groß gewesen war, dass sie eigentlich aus der Menge hätte heraus ragen müssen, doch nichts. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Dabei hätte sie bestimmt etwas zu erzählen gehabt, dachte Norah. Schade. Und ein wenig unheimlich auch.

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