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Aus dem Buch: Lustige Kindergeschichten
 
Der Eisbär
Barbara Merten

Hoch oben im Norden, dort, wo Eskimos und Polarfüchse wohnen, lebte einmal ein griesgrämiger Eisbär. Ganz allein wanderte er durch Schnee und Eis. Wenn ihm ein anderer Bär oder gar ein listiger Fuchs zu nahe kam, fauchte er gefährlich und verjagte ihn. Er hatte niemanden lieb, und niemand hatte ihn lieb. Mürrisch und brummend trottete er hinunter zum Fluss. Ob er heute wieder einen Lachs fangen würde?
"Lachse schmecken lecker! Hmmm", sagte er laut.

Er sprach nämlich immer mit sich selbst und stellte sich dabei vor, dass seine Brummstimme sein bester Freund sei. So fühlte er sich nicht so einsam. Wenn er an Lachse dachte, lief ihm schon das Wasser im Maul zusammen.
"Hmm." Er schleckte mit der Zunge.
Von weitem sah er eine Eisbärin mit ihrem Kind am Wasser spielen. Er kannte sie. Ärgerlich ging er auf die beiden zu.
"Schon wieder klaut ihr meine Fische!", grollte er und richtete sich auf. Riesengroß stand er da. "Das sind meine Fische! Haut endlich ab!", brüllte er noch einmal. Erschrocken sprangen der kleine Eisbär und seine Mutter ins Wasser und schwammen eilig den Fluss hinunter.
"Hoho!", lachte der große Eisbär hinter ihnen her.
Es freute ihn, dass sie Angst vor ihm hatten. Zufrieden tapste er zum Fluss und schaute ins Wasser. Kein Fisch war zu sehen.
"Die Blöden! Sie haben mir die Fische verjagt!", schimpfte er.
Hungrig schlug er mit der Pfote aufs Wasser. Die Tropfen spritzten und glitzerten in der Sonne. Aber der Eisbär bemerkte es gar nicht. Er tobte und schnaubte. Schließlich lief er brummend durch den hohen Schnee am Fluss entlang. Plötzlich blieb er stehen. Da glitzerte doch etwas im Wasser! War es ein Fisch? Ein leckerer Lachs? Sein Magen knurrte.
"Egal was es ist, ich muss es haben", sagte er und schlich leise und vorsichtig näher. Die Sonne blendete. Hoffentlich war das Tier noch nicht weggeschwommen. Seine Augen suchten im Wasser.
"Da! - Da ist es!", rief er. Jetzt konnte er es wieder sehen. "Oh, ein Glitzerfisch! Ob der besser schmeckt als Lachs?" Schnell holte er mit seiner Pranke aus und schlug mit voller Wucht ins Wasser, um den Fisch zu erschlagen.
"Auuu!", brüllte er plötzlich, denn ein furchtbarer Schmerz durchzog seine Pfote. Hatte ihn das Tier gebissen? Er zog die Pfote aus dem Wasser.
"Blut!", schrie er entsetzt. "Ich blute!"
Wenn er Tiere totschlug, um sie zu fressen, dann bluteten sie auch.
Das fand er sehr lecker. Aber jetzt blutete er selber! Ihm wurde ganz schwindelig.
"Muss ich jetzt auch sterben?", rief er ängstlich und ließ sich ins flache Wasser plumpsen. Er hielt die verletzte Pfote hoch und sah, wie die Blutstropfen blubb, blubb ins Wasser fielen. Das Flusswasser färbte sich rosa. Hilflos begann er laut zu weinen.
"Ich armer, armer Bär!"
Dicke Kullertränen liefen ihm über den Pelz. Niemand war da, der ihn tröstete.
"Huhuhuhuuuu!", jammerte er.
Ein Polarfuchs stand am anderen Ufer.
"Selbst schuld, selbst schuld!", bellte er ihm zu.
"Wenn man so dumm ist und auf eine Glasflasche schlägt. Da muss man sich ja die Pfote aufschneiden! Hahaha!", lachte er.
"Eine Glasflasche?" Der Bär verstand kein Wort. "Ich habe aber einen Fisch gesehen!"
"Haha. Das war doch kein Fisch! Das war die Flaschenpost von den Eskimos! Du hast die Flaschenpost erschlagen, du Dummkopf!", rief der Fuchs und musste sich vor Lachen den Bauch halten.
Dummkopf hatte der Polarfuchs gesagt. Der Bär hatte es genau gehört. Ich bin kein Dummkopf. Ich bin groß und stark und schlau! Ärgerlich brummte er: "Selber Dummkopf."
Aber was sollte er nun tun? Er fühlte sich auf einmal ganz schwach. Wenn er die blutende Pfote sah, wurde ihm übel. War niemand da, der ihm helfen wollte?
Nein. Er hatte ja alle verscheucht. Jammernd sah er zu, wie sein Blut Tropfen für Tropfen ins Wasser fiel. Sein schöner weißer Pelz war voll roter Blutflecken. Der Fluss trug sein Blut im Wasser fort. Der Bär wurde ohnmächtig.
Weiter unten am Fluss wunderte sich die Eisbärin über das rosa Wasser, das angeschwommen kam.
"Was ist denn da passiert?", fragte sie sich.
"Schön! Das sieht schön aus, Mama!", rief das Kind. Es versuchte das rosa Wasser zu fangen. Aber je mehr es darin patschte, umso mehr vermischte dieses sich mit dem Fluss.
"Das ist nicht gut", sagte die Eisbärin. "Rosa Wasser ist nicht gut. Komm, lass uns nachschauen, was passiert ist."
Das Kind setzte sich auf ihren Rücken und so stapfte sie durch den Schnee zurück. Sie fanden den Bären bewusstlos im Wasser liegen.
"Oh je, der Arme!", sagte die Mutter. "Er hat sich die Pfote aufgeschnitten. Schnell! Hol Schnee!", rief sie ihrem Kind zu. "Wir müssen dem Bären helfen! Sonst verblutet er."



"Aber das ist doch der böse Bär, Mama. Der uns immer fortjagt", meinte der kleine Eisbär.
"Ja, der Bär war nicht nett zu uns. Aber wir sind nett zu ihm", sagte die Mutter und streichelte den verletzten Bären. "Vielleicht hat er kein schönes Leben. Vielleicht ist er einsam."
Zuerst zogen sie den Bären aus dem Wasser.
Das war ganz schön anstrengend. Sie legten ihn auf eine Eisplatte neben dem Fluss. Dann schaute sich die Bärin die Wunde genau an. Der Kleine formte aus sauberem Schnee runde Bälle und warf sie der Mutter zu.
"Daraus machen wir dem Bären einen dicken Verband. Das wird ihm helfen", sagte sie und begann die Pfote mit den Schneebällen einzupacken.
"Das kühlt und stoppt die Blutung", erklärte sie dem Kleinen.
"Jetzt müssen wir ihm noch ein paar Fische fangen, damit er wieder Kraft bekommt."
Sie stiegen in den Fluss. Das blutige Wasser hatte die Fische angelockt. Drei Lachse fing die Mutter. Für jeden einen. Sie setzten sich zu dem kranken Bären. Der kleine Bär kletterte auf seinen Bauch und hielt ihm den Fisch unter die Nase.
"Das wird ihn aufwecken", lachte er. "Er hat bestimmt großen Hunger."
Tatsächlich. Zuerst zog der Bär seine Nase kraus. Dann schnüffelte er. Als er die Augen aufschlug, blickte er direkt in die Augen des kleinen Bären.
"Hallo, großer Bär! Da bist du ja wieder. Wir haben dir einen Lachs gefangen!"
Der kleine Bär hielt ihm den Fisch vors Maul.
"Haps", machte der große Bär und verschluckte den Fisch mit einem Biss. Der Kleine bekam große Augen. Erschrocken sprang er vom Bauch des Bären herunter. Oh je! Hoffentlich wollte der Bär ihn nicht auch noch fressen. Schnell versteckte er sich hinter seiner Mutter. Da musste der große Bär lachen. Er schaute auf seine verletzte Pfote, die ganz mit Schnee eingepackt war.
"Du hast großes Glück gehabt. Wir haben das rosa gefärbte Wasser unten am Fluss gesehen. Darum sind wir zurückgekommen. Fast wärest du verblutet", sagte die Eisbärin.
Da wurde der Bär ganz still. Er schämte sich. Die Eisbärin und ihr Kind hatten ihm das Leben gerettet, obwohl er so böse zu ihnen gewesen war.
"Danke", sagte der Bär leise. "Wollt ihr meine Freunde sein?"
"Das kommt darauf an", antwortete die Bärin. "Wenn du zu uns nett bist und uns nicht mehr verjagst, können wir Freunde werden."
"Auja!", rief der kleine Bär und kam wieder näher.
"Darf ich dann auch auf deinem Rücken reiten?"
Der große Bär freute sich.
"Na klar!", rief er. "Immerzu! Ich bin doch groß und stark. Und schlau bin ich auch!"
"Na ja", grinste die Bärin und der Bär schämte sich schon wieder ein bisschen. Aber dann freute er sich, denn nun brauchte er nicht mehr mit sich selber sprechen. Endlich hatte er Freunde gefunden, die mit ihm zusammen sein wollten. Vor Freude stieß er einen so lauten Riesen-Bären-Jauchzer aus, dass es über den ganzen Fluss schallte.