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Aus dem Buch: Der Insasse
 
Wieso ist es hier so kühl?
Dafür, dass Myriam gerade die Hölle betrat, war es viel zu kalt hier unten, in dem fensterlosen Kellerverschlag mit den feuchten Ziegelwänden, an denen der schwarze Schimmel wie Krebs in den Bronchien einer Raucherlunge haftete.
"Vorsicht", mahnte der Polizist und deutete auf ihren Kopf, den sie einziehen musste, wenn sie beim Übergang in den Heizungskeller nicht an ein Abwasserrohr stoßen wollte. Dabei war Myriam nur eins fünfundsechzig groß. Ganz anders als Tramnitz, der für den entsetzlichen Anlass viel zu attraktiv aussah. Breite Schultern, hohe Stirn, schlank, aber muskulös, wie geschaffen für das Titelblatt des Berliner Polizeikalenders, wenn es denn einen gab. Hier unten aber verfingen sich Staub und Spinnweben in seiner blonden "Ich hab mal wieder keinen Schlaf bekommen" Frisur, so dicht klemmte der Kopf unter der Kellerdecke. Das Häuschen am Rand des Grunewalds stammte aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Damals waren die Menschen hier offenbar kleiner gewesen.
Und ganz sicher nicht so böse, wie der letzte Bewohner dieses Hauses. Oder etwa doch?
Myriam schluckte und versuchte sich zu erinnern, wie der freundliche Beamte mit Vornamen hieß, der sie zu Hause ab- geholt und hier rausgefahren hatte.
Nicht, dass es irgendwie wichtig wäre. Sie versuchte nur, sich abzulenken. Aber es gelang ihr nicht, harmlose Gedanken zu entwickeln. Nicht hier in einem Keller, der nach Blut, Urin und Angst roch.
Und Tod.
Tramnitz löste das rot-weiße Tatortband, das die Spurensicherung als X in den offenen Türrahmen geklebt hatte. POLIZEI ABSPERRUNG stand darauf, wieder und wieder wiederholte sich das Wort in schwarzen Lettern auf dem Flatterband. Doch Myriam las: NICHT WEITERGEHEN! NICHT HINSEHEN!
"Hören Sie!" Der Kommissar rieb sich nervös seinen Dreitagebart. Im Licht der staubigen Kellerlampe sah er aus, als leide er unter Gelbsucht. "Wir dürften hier eigentlich nicht sein."
Myriam wollte gleichzeitig nicken und den Kopf schütteln (Nein, dürfen wir nicht. Aber: Ja, ich muss das machen), was im Ergebnis dazu führte, das ihr Oberkörper merkwürdig zuckte.
"Doch, ich will es sehen", sagte sie.
Sie sagte es als ginge es um einen Gegenstand. Den Schrecken beim Namen, bei ihrem Namen zu nennen, brachte sie nicht über sich.
"Ich überschreite hier meine Befugnisse. Der Tatort ist noch nicht freigegeben, und die Bilder ..."
"Schlimmer als die in meinem Kopf können sie nicht sein", sagte Myriam kaum hörbar. "Bitte, ich muss es mit eigenen Augen sehen."
"Okay, aber Vorsicht!", mahnte der Polizist ein zweites Mal, nun deutete er auf die Stufen vor ihnen. Die kleine Holztreppe knarzte trocken unter ihren Turnschuhen. Tramnitz zog eine milchige Plastikplane wie einen Duschvorhang zur Seite. Dahinter lag eine Art Vorkeller, der von seinem Besitzer vermutlich als Umkleide oder Garderohe genutzt worden war, bevor es einige Schritte weiter durch eine angelehnte Brandschutztür in die Hölle ging.
Eine Briefträgeruniform hing ordentlich auf einem Bügel an einer Kupferleitung. Daneben stand eine Sackkarre mit Paketen.
"Also doch!", entfuhr es Myriam.
Tramnitz nickte. Er blinzelte, als sei ihm etwas vom Staub, der hier unten die stickige Atemluft durchsetzte, in die Augen geraten. "Ihr Verdacht hat sich bestätigt."
Großer Gott.
Myriam griff sich an die Kehle, unfähig zu schlucken, ihr Mund war wie ausgedörrt.

Als die Polizei nach Wochen noch immer keine Spur von Laura gefunden hatte, machte sich Myriam auf eigene Lauer auf die Suche nach ihrer Tochter. Befragte noch einmal alle Nachbarn, alle Mitarbeiter in den Ladengeschäften rund um den Spielplatz des Schweizer Viertels, auf dem ihre Tochter das letzte Mal gesehen worden war.
Es war eine ältere, leicht altersdemente Mieterin, deren Aus- sage man offenbar nicht ernst genommen oder nicht weiter- verfolgt hatte, sicher auch, weil sie heim Reden sehr schnell den Faden verlor und plötzlich anfing, in Erinnerungen zu schwelgen. Jedenfalls meinte die Dame, am Tag der Entführung einen Postboten beobachtet zu haben. Er habe ihr leid getan, weil ihm niemand geholfen habe mit seinen vielen Paketen, die er alle wieder hatte zurücknehmen müssen; den ganzen langen Weg von dem Wohnblock in der Altdorfer zurück zu seinem DHL-Laster, weil die Empfänger nicht zu Hause waren. Dann schweifte sie ab ? er habe sie an ihren Neffen erinnert ?, was ihrer Glaubwürdigkeit nicht zuträglich gewesen war.
Und doch hat sie den wichtigsten aller Hinweise gegeben!

"Er hat sich tatsächlich als Zusteller getarnt", bestätigte Tramnitz und stieß sanft mit dem Fuß gegen einen etwa anderthalb Meter hohen Paketstapel, der auf einer Sackkarre an der Wand ruhte. Erst zu ihrem Erstaunen, dann zu ihrem Entsetzen kippte der Stapel um, obwohl der Polizist ihn kaum berührt hatte.
"Pappmaché", erklärte Tramnitz. "Hohl."
Es war eine ausgehöhlte Attrappe. Einen Meter fünfzig hoch. Genug Platz für eine Siebenjährige.
"Laura", stöhnte Myriam. "Mein Baby. Was hat er mit ihr gemacht?"
"Er hat sie betäubt, um sie, in dieser Attrappe versteckt, unbehelligt zu seinem Transporter zu schleppen. Kommen Sie." Tramnitz? starke Hände zogen die Brandschutztür auf, an der außen ein alter Aufkleber von Sound & Drumland klebte. War es möglich, dass das Monster Musik liebte?
So wie Laura?
Myriam musste an das Kinderklavier denken, das sie erst im letzten Sommer gekauft hatten und das in den vergangenen Wochen so unerträglich still im Wohnzimmer gestanden hatte. Hier unten hingegen war es unerträglich laut. Hier, in dem quadratischen Keller, den sie gerade betrat, glaubte Myriam, die Schreie ihrer Tochter zu hören. Ein Echo der Erinnerung, das von den leichengrauen Wänden und dem gefliesten Boden mit dem Abfluss in der Mitte widerhallte. Über ihnen baumelte eine nackte, mit weißer Farbe besprenkelte Glühbirne, die mehr Schatten als Licht zu spenden schien.
"Was ist das?", krächzte Myriam und deutete auf die Kiste, die an der Wand vor ihnen stand.
Tramnitz kratzte sich den ausrasierten Haaransatz im Nacken und musterte den kantigen Holzverschlag. Die Kiste ruhte auf einem Metalltisch, der an den Seziertisch eines Rechtsmediziners erinnerte. Sie war aus braunem Pressholz gezimmert, etwa anderthalb Meter lang und dreißig Zentimeter breit. In der ihnen zugewandten Längswand waren im handbreiten Abstand zwei kreisrunde Löcher ausgestanzt, etwas größer als die Spielfläche eines Tischtennisschlägers. Sie waren mit einer blickdichten Folie bespannt, ebenso wie die Oberteile der Kiste, weswegen Myriam nicht sehen konnte, was sich in ihrem Inneren befand.
"Das ist ein Brutkasten", sagte Tramnitz, und die Hölle des Kellers wurde noch kälter. Myriam wurde schlecht, als sie verstand, dass dir Löcher Eingriffe darstellten, durch die man das berühren konnte, was sich hinter den Wänden des "Brutkastens" verbarg.
"Was hat er ihr angetan? Was hat er meinem Baby nur angetan?", fragte sie Tramnitz, ohne ihn anzusehen.
"Der Täter hat viele Jahre auf einer Frühgeborenenstation gearbeitet, bis er wegen unsittlichen Verhaltens gefeuert wurde. Das hat er nie verwunden. Hier unten schuf er sich seine eigene Babystation."
"Um was zu tun?"
Myriam trat einen Schritt näher, streckte die Hand aus, aber sie zitterte zu sehr. Sie schaffte es nicht. Als befände sich ein Magnetfeld um den "Brutkasten", das ihre Finger umso stärker abstieß, je näher sie ihm kam, um die Folie abzureißen. Tramnitz trat von hinten an sie heran. Berührte sanft ihre Schultern, räusperte sich. "Wollen Sie das wirklich?" Sie nickte, anstatt schreiend wegzurennen. Der Beamte riss die Plastikfolie von dem "Brutkasten", und Myriam schaffte es nicht schnell genug, die Augen zu schließen. Sie hatte es gesehen, und das Bild des Grauens hatte ihr Gedächtnis markiert wie ein Brandeisen die Haut eines Tieres.
"Laura", stieß sie keuchend hervor, denn es gab keinen Zweifel. Der Körper war zwar über und über mit geruchbindendem Katzenstreu bedeckt, und unter den weit geöffneten Augen kringelten sich bereits die Maden, aber Myriam hatte sie erkannt: an ihrem Grübchen am Kinn, am Leberfleck neben der rechten Augenbraue, an der Lillifee-Spange, die ihren widerspenstigen Pony zähmte.
"Er hat sich um sie gekümmert."
"Was?"
Myriams Geist war meilenweit von allem wirklichen Leben entfernt, verloren in einem Meer aus Schmerz und Seelenqualen. Die Worte des Polizisten schwappten wie aus einer anderen Dimension in ihr Bewusstsein und ergaben keinen Sinn.
"Er gab ihr Nahrung. Medikamente, Wärme. Und Liebe." "Liebe?"
Myriam fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte. Sie drehte sich zu Tramnitz, sah zu ihm auf. Im Schleier ihrer Tränen verschwamm das attraktive, symmetrische Gesicht des Polizisten wie hinter einer Regenwand.
Zu ihrem Entsetzen begann er zu glucksen. "Oh, das ist ja noch viel besser, als ich gehofft habe. Dieser Ausdruck in Ihrem Gesicht!"
Das war der Moment, in dem Myriam sich sicher war, dass es keinen Gott mehr gab. Nur noch sie. Lauras Leiche und den Teufel direkt vor ihr.
"Sie sind gar kein Polizist", wollte Myriam noch schreien. "Sie waren das! Sie haben mein Baby entführt, gequält und ermordet!"
Doch all diese Worte fanden den Weg nicht mehr aus ihrem Mund, da Myriam eine Axt direkt zwischen die Augen gefahren war.
Das Letzte, was sie in diesem Leben hörte, war ein schmerzhaft splitterndes Geräusch, als würde ein ganzer Wald knochentrockener Zweige direkt in ihren Ohren zerbrechen, nur noch überlagert von dem ekelerregenden Lachen, das Guido Tramnitz entfuhr während er zuschlug. Wieder und wieder. Und wieder. Bis alles um ihn und sie herum ein einziger roter Nebel war, dann ein letzter, heftiger Schmerz. Dann nichts mehr.
Nicht einmal mehr schwarz.


2.

Till Berkhof

Das Baby erstickte, aber das war dem Glatzkopf egal. Er hob die Faust und ließ sie wie Thors Hammer auf Tills Motorhaube krachen. "Fahr die Scheißkarre hier weg, das ist eine Einbahnstraße!"
"Drücken Sie weiter. Dreimal, wie besprochen, Sie schaffen das", sagte Till, der gerade aus seinem Rettungswagen ausgestiegen war.
Er sprach nicht zu dem Hünen vor ihm auf der Straße, der den Trainingsanzug für seine Muskeln drei Nummern zu klein gewählt hatte, sondern zu der Mutter am Telefon, die vor Panik zu hyperventilieren drohte.
Ihr Notruf war vor fünf Minuten eingegangen. Seitdem versuchte Till sie fernzusteuern: "Dann wieder Mund-zu-Mund- Beatmung. Wir sind gleich da."
Vorausgesetzt. Mister Boxerstiefel lässt uns endlich durch.
Noch etwa vierhundert Meter Luftlinie Trennten sie von der Frau, und sie hatten die Abkürzung über den Eichkatzweg genommen, um einen Unfall auf der Eichkampstraße zu umfahren. Aber weil der Idiot mit seinem SUV den Weg nicht freimachen wollte, kamen sie in der engen Einbahnstraße mit ihrem Rettungsfahrzeug nicht mehr durch. Die Gasse hatte nicht einmal einen Bürgersteig. Und ganz offensichtlich wollte der Prolet das Rettungsfahrzeug per Faustrecht in den Rückwärtsgang zwingen.
"Ich sag s nur noch ein Mal, dann klatscht es, aber keinen Applaus." Das Kraftpaket sah kurz nach hinten zu seinem Wagen. Darin saß ein rothaariges Gerippe, das sich gerade die Schlauchbootlippen schminkte. "Du stehst mir im Weg, und ich hab s eilig."
Till atmete tief durch und ließ kurz sein Handy sinken. "Hör mal, wonach sieht das hier für dich aus?", fragte er. Er zeigte auf den Rettungswagen, auf den der Idiot gerade eingedroschen hatte und dessen Signallampen auf dem Dach stumm vor sich hin rotierten.
"Ich muss zum Dauerwaldweg. Ich werde jetzt sicher nicht rückwärts durch das Nadelöhr fahren, nur damit du rechtzeitig ins Fitnessstudio kommst."
Dass Passanten sich beschwerten, wenn Einsatzfahrzeuge in zweiter Reihe standen, war keine Seltenheit, aber das hier hatte selbst für Berliner Verhältnisse eine neue Qualität. Obwohl. Erst gestern hatte in Lankwitz ein Zettel an ihrer Windschutzscheibe geklebt: "Nur weil Sie Menschen retten, haben Sie nicht das Recht, unsere Luft mit Ihren Abgasen zu verpesten. Machen Sie das nächste Mal den Motor aus, während Sie einen Kranken aus dem Hans schleppen!"
Die Idee, dass sie damit auch die lebenserhaltenden Geräte für den Schlaganfallpatienten abgeschaltet hätten, war dem besorgten Weltbürger anscheinend nicht gekommen. Oder es war ihm gleichgültig gewesen. So wie dem Muskelberg das erstickende Baby nicht kümmerte.
"Hallo? Sind Sie noch dar?", hörte Till die Mutter ängstlich rufen, während der Glatzkopf näher kam.
Er presste sich das Handy fester ans Ohr. "Ja, ja ich bin noch da. Machen Sie weiter mit der Mund-zu-Mund-Beatmung!"
"Sie läuft blau an. Himmel. Ich glaube, sie, sie ?"
"Lass gut sein!", rief Tills Partner hinter ihm. Aram war bereits mit dem Einsatzkoffer ausgestiegen. "Setz du zurück, ich renn alleine vor."
"Ja, hör auf den Kanaken", lachte der Glatzkopf. "Husch, husch. Setz zurück!"
Und da war es wieder. Dieses Kribbeln in den Fingern. Das Warnsignal, das Tills Gehirn aussandte, wenn er im Begriff war, einen Fehler zu machen. Till wusste nicht, ob es die Beleidigung seines kurdischen Partners durch den Proleten war oder ob er gar keinen weiteren Anlass gebraucht hätte. Immerhin stand das Leben eines sechs Monate alten Säuglings auf dem Spiel, Zuletzt hatte er dieses nadelstichartige Zwicken in den Fingerspitzen bei dem Brandeinsatz vor drei Wochen gespürt. Der Einsatz, der ihm das Disziplinarverfahren eingebracht hatte.
Till war Feuerwehrmann. Mitglied des Angriffstrupps. Oberbrandmeister mit Notfallsanitäterausbildung. Eigentlich sollte er gar nicht hier im Westend den Sani spielen, sondern irgendwo an vorderster Front mit Atemschutzgerät und Spitzhacke in ein brennendes Gebäude rennen.
Eigentlich.
"Zu impulsives Verhalten, latent kameradengefährdend", stand in dem psychologischen Gutachten, das ihm die Versetzung eingebrockt hatte. Eine Degradierung. Rettungssanitäter in Berlin-Südwest,
Und das alles wegen einer verdammten Katze. Aber was hätte er tun sollen? Die alte Oma hatte bitterlich geweint, hatte ihm gestanden, die Fellnase sei das Einzige, was sie noch hatte, also war er wieder in die Flammen ihrer Etagenwohnung gestiegen. Am Ende hatte ihm ein Kumpel zu Hilfe kommen müssen.
Kurz bevor er ins Feuer gerannt war, hatte er dieses Kribbeln in den Fingern gespürt. Das Warnsignal, bloß nicht wieder Mist zu bauen. Diesmal, so sagte er sich jetzt, werde ich darauf hören.
Abgesehen davon, dass er für diesen Blödsinn keine Zeit hatte, kämpfte Mr. Boxerstiefel eindeutig in einer anderen Gewichts klasse. Nicht, dass Till klein und schmächtig gewesen wäre, aber er hatte einen geschulten Blick für Straßenkämpfer und Kampfsportler. Und in diesen Disziplinen war sein Gegenüber ihm haushoch überlegen.
"Okay, der Klügere gibt nach", seufzte Till unter dem höhnischen Gelächter des Proleten.
Er stieg wieder in den Rettungswagen und startete den Motor mit kribbelnden Händen. Legte den Gang ein, versuchte, seine Wut runterzuschlucken.
Er wartete noch, bis der Idiot wieder in seinem SUV saß. Dann fuhr er los.
Eine halbe Sekunde später hatte er die Motorhaube erwischt. Der Aufprall war nicht heftig genug, um die Airbags auszulösen, aber da der Hüne noch nicht wieder angeschnallt war, knallte er mit dem Kopf aufs Lenkrad.
Die Rothaarige schrie so laut, dass Till sie selbst durch zwei Windschutzscheiben hindurch noch hören konnte und trotz des Knirschens von Reifen auf dem Asphalt und des Splitterns von Glas, Plastik und Chrom, während sie mitsamt dem Wagen rückwärts geschoben wurde.
Wenig später öffnete sich auf der linken Seite eine Einfahrt, und Till schlug das Lenkrad ein, während er weiter Vollgas gab und mit durchdrehenden Reifen den ramponierten SUV zur Seite zu drücken. Wobei zwei weitere parkende Fahrzeuge in Mitleidenschaft gezogen wurden. Aber der Weg war endlich frei, und Till musste auf die Bremse treten, um nicht wie ein Pfeil Richtung Alte Allee zu schießen.
Er hielt an, öffnete seine Fahrertür und drehte sich kurz nach hinten zu Aram um, der wie unter Schockstarre auf der Straße stand, neben dem völlig zerbeulten SUV in der Einfahrt, aus dem der Hüne gerade herausklettern wollte. Seine Nase war gebrochen, Blut strömte ihm übers Gesicht, und er wirkte völlig benommen.
"Erst das Baby", rief Till seinem Partner zu. "Die Nase kann warten."


3

Acht Stunden später

Ich will dir was zeigen-, hörte er ihn stammeln. Halb flüsternd, halb weinend. Till schrak zusammen, weil Max sich mal wieder wie ein Elitesoldat angeschlichen hatte. Dabei hatte er wie immer die Tür zu seinem Arbeitszimmer unter dem Dach offen gelassen. Till hasste verschlossene Räume so sehr, wie er seinen sechsjährigen Sohn liebte, der über die Gabe verfügte, lautlos die Treppe hinaufzuschweben.
"Was ist denn los. Kleiner?"
Till klappte den Laptop zu, auf dem er seine Stellungnahme vorformuliert hatte, auch wenn das die Mühe eigentlich nicht wert war. Die Sachlage war klar, was gab es da der Untersuchungskommission schon groß zu erklären?
Ja, er war wieder ausgerastet. Ja, er hatte sich erneut impulsiv und unkontrolliert verhalten, diesmal sogar vor Zeugen, die bestätigen würden, wie er durchgedreht war und einem Bürger die Nase gebrochen hatte, von dem Blechschaden an insgesamt vier Fahrzeugen ganz abgesehen, die in die Hunderttausende gingen. Dass er wenige Minuten später ein Baby gerettet hatte, war nebensächlich. Man benutzte einen Rettungswagen nicht als Panzer, um rechtzeitig zum Einsatz zu kommen. Till würde gefeuert werden, spätes dann, wenn die Presse den Fall ausschlachtete und ihn als Amok-Sanitäter darstellte.
"Ich hab den Millennium Falcon fertig."
Sein Sohn trug das graue Lego-Raumschiff wie eine Heiligen-Reliquie ins Arbeitszimmer.
"Das sieht toll aus", lobte Till, wobei er sich fragte, ob es pädagogisch sinnvoll war, Max im Alter von sechs Jahren ausgerechnet einen mit Laserkanonen ausgerüsteten Star-Wars-Raumfrachter bauen zu lassen. "Wahnsinn, auf dem Karton stand doch, das war erst für Kinder ab neun", fügte er hinzu, wobei er wusste, dass diese Altersangaben oft reine Fantasiezahlen waren. "Im Zweifel", so hatte ihm ein Spielzeugentwickler einmal im Vertrauen gesagt, dessen Lagerbrand sie hatten löschen müssen, "behaupten wir, es sei für ältere Kinder, dann denken die Eltern, sie hätten ein kleines Genie zu Hause sitzen."
"Ich sehe Han Solo, und hier, ist das Chewbacca? Du hast sogar Luke Skywalker im Cockpit. Wow. Alles perfekt. Also, wieso weinst du dann?"
Max zog die Nase hoch und druckste herum. "Mama", sagte er schließlich.
"Was ist mit ihr?"
"Sie hat gesagt, ich darf nicht."
"Was darfst du nicht?"
"Es ihr zeigen."
Till lächelte und wuschelte ihm durch die dichten braunen Haare, die er von seiner Mutter Ricarda geerbt hatte. Genauso wie die vollen Lippen und die langen Wimpern.
Dennoch sagten die meisten, sein Sohn komme nach ihm, was nur an den großen dunklen Augen liegen konnte, die immer traurig aussahen, selbst wenn er mal lächelte.
"Mit ihr meinst du Anna?" Till warf einen Blick durch das Galeriefenster. Auf den Dächern der Nachbarhäuser stapelten sich die Schneemassen, die in der letzten Nacht über Buckow heruntergekommen waren. Das Nachbarskind war Max? erste Liebe und tatsächlich, das musste Till zugeben, wunderschön. Sie war auch klug, nett und höflich; eigentlich die perfekte Schwiegertochter, wäre da nicht der winzige Altersunterschied. Anna war siebzehn und bereitete sich aufs Abi vor, während Max noch in die erste Klasse ging und Feuerwehrmann werden wollte. Wie sein Vater.
Gleichwohl machte Anna den Spaß mit. Wenn Max sie an- schmachtete, erlaubte sie ihm hin und wieder, sie zu drücken, und antwortete sogar auf seine unbeholfenen Liebesbriefe. Wann immer sie Till sah, warf sie ihm ein "Hallo, Schwiegerpapa" zu, und um Max nicht sein kleines Herz zu brechen, verschwieg sie ihm, dass der junge Mann, der sie hin und wieder mit dem Motorrad abholte, ihr fester Freund war.
"Ist Anna denn da", fragte Till. Max nickte.
"Und Mama hat gesagt, du tollst nicht rüber?"


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