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Aus dem Buch: Renate Zawrel Hrsg. - Osterhase und Bienenstich - (Auswahlband)
 
Die Abenteuer des Ameisenjungen Ronny

Kapitel 1
Erste Begegnung des Ameisenjungen Ronny mit der Hummel Karl

Die Waldlichtung gab der Sonne genügend Platz, um die Wiese im hellen Licht erscheinen zu lassen. Gerade wurde der Schnee des letzten Winters wie von einem nassen Schwamm von der Erde aufgesaugt. Über der Lichtung segelte ein Falke und suchte kleine Zweige, um den Horst für seine künftige Braut herzurichten.
Auch die kleine, dicke Hummel Karl flog mit lautem Gebrumm über der Wiese. Ein paar Schmetterlinge genossen es, im Sonnenlicht dahinzuflattern und sich bei den Weidenkätzchen den ersten Nektar des gerade angebrochenen Frühlings zu holen.
Gerade als Karl an der alten Kiefer vorbei fliegen wollte, fiel ihm eine kleine Ameise auf.
Sie war viel kleiner als die Hummel, schleppte aber eine Kiefernadel auf dem Rücken, die doppelt so lang war, wie die Ameise selbst.
Höflich stellte sich die Hummel vor: "Guten Morgen. Ich heiße Karl und bewundere dich, dass du viel größere Lasten schleppst, als du selbst groß bist." Die Ameise warf die Kiefernadel vom Rücken und wirkte fast ein wenig erleichtert.
"Guten Morgen. Was bist du denn für ein Insekt? Außer Ameisen kenne ich noch keine anderen Tiere dieser Gattung. Mich nennen meine Königin und die anderen im Ameisenhügel Ronny. Heute wurde ich vom Ameisenkind zum Arbeiter befördert. Es ist für mich das erste Mal, dass ich so eine Kiefernadel tragen muss. Wir brauchen sie aber dringend. Der letzte Winter hat ein großes Loch in unseren Ameisenhügel gerissen. Es muss wieder geschlossen und repariert werden, damit unser Nachwuchs nicht nass oder krank wird."
Karl antwortete: "Ich bin ein Hummeljunge. Wir Hummeln sind die etwas größeren Verwandten der Bienen. Die werden aber von den Menschen eingefangen und in hölzernen Kästen gefangen gehalten, damit sie den Honig ernten können, den die Bienen eigentlich zur Ernährung ihres Nachwuchses benötigen. Ich bin froh, eine Hummel zu sein. Aus uns machen sich die Menschen nicht so viel."
Die Hummel schlug Ronny vor: "Wollen wir vielleicht Freunde werden? Wir können uns jeden Tag treffen und ein wenig unterhalten. Ameisen gehen ja immer einen vorbestimmten Weg. Daher kann ich dich immer leicht finden."
"Ja, klar. Ich bin einverstanden." Inzwischen hatte Ronny die Kiefernadel wieder aufgenommen, seinen Weg fortgesetzt und erklärte dabei seinem neuen Freund: "Karl, ich darf nicht so eine große Lücke zu den anderen Ameisen vor und nach mir entstehen lassen. Sonst geht unser Fließbandtransportsystem kaputt."
Direkt neben Ronny hatte gerade ein Schneeglöckchen seine erste Blüte geöffnet und lockte Karl mit dem süßen Duft nach Nektar.
Diese Blume sah so zart und lieblich aus mit ihren sattgrünen Blättern und dem strahlend weißen Glöckchen.
Hättest du genauso feine Ohren wie Ronny und Karl, könntest du das helle Läuten des Schneeglöckchens hören, wenn der Wind leicht mit ihm spielt. Bling. Bling. Bling.
Ronny, der noch nie vorher so eine Blume gesehen hatte, wollte von Karl wissen: "Was ist das für eine Blume? So was Schönes habe ich in meinem bisherigen Leben nie gesehen."

Karl war schon etwas vom Nektarduft benommen und verhaspelte sich ein wenig beim Sprechen. "D ... d ..., das ist ein Schneeglöckchen. Es ist die erste Blume, die nach dem Winter - manchmal schon durch die letzten Reste der Schneedecke - hervorguckt. Wir Hummeln und Bienen haben eine ganz wichtige Aufgabe. Wir holen uns den Nektar, weil wir ihn zur Ernährung unseres Nachwuchses benötigen. Beim Anflug auf die Blumen bleibt immer ein wenig Blütenstaub an unseren Beinchen hängen. Fliegen wir damit zur nächsten Blüte, gelangt dieser Blütenstaub dorthin und sorgt damit zur Befruchtung der Pflanzen und Blumen. Ohne uns Bienen, Hummeln, Hornissen und Schmetterlinge würde es bald keine Früchte, keine Blumen und keine Ableger geben. Alles würde aufhören zu existieren."
Ronny staunte ehrfürchtig: "Karl, du bist aber schlau und gescheit. Mit dir möchte ich gern befreundet sein. Du kannst mir vieles erklären und trotzdem können wir Spaß haben."
Über das Lob seines neuen Freundes war Karl sichtlich gerührt.
"Jetzt tauche ich erst einmal in dieses Glöckchen ein und hole mir den Nektar. Ich fühle, dass auch die Blume darauf wartet, ihre Pflicht zu erfüllen."
Sssssssssssssssss ... schon war Karl im Inneren des Schneeglöckchens verschwunden.
Ronny bekam einen Schreck. Wo war Karl? Hatte die Blüte seinen gerade neu kennengelernten Freund gefressen?
Nein, in dem Moment krabbelte Karl wieder hervor und brummte zufrieden: "Das war ein köstlicher Trunk. Der erste echte Nektar des jungen Frühjahrs. Ich muss nachher noch nach weiteren Schneeglöckchen Ausschau halten. Dann fliege ich zu meinem Hummelnest und erzähle meinen Familienangehörigen, wo sie Nektar finden."
Ronny fiel auf, dass Karls Beinchen jetzt komisch verformt aussahen. Anders als vorher, bevor Karl in das Glöckchen geflogen war.
"Karl, was hast du denn plötzlich an deinen Hinterbeinen? Die sehen jetzt so dick aus."
"Ronny, das ist doch der Blütenstaub", lachte die Hummel. "Die Natur hat alles so eingerichtet, dass wir nichts umsonst tun. Den Genuss des Nektars müssen wir Hummeln und Bienen mit dem Transport des Blütenstaubs bezahlen."
In dem Augenblick war Ronny am Ameisenhügel angelangt.
"Karl, du kannst hier so lange warten, bis ich meine Fracht ausgeliefert habe. Dann komme ich, mit dem in einen Kokon eingeschlossenen Ameisenkot von unseren Ameisenkindern, wieder heraus."
Weil der Hummeljunge damit nichts anfangen konnte und ein verdutztes Gesicht machte, fügte Ronny hinzu: "Beim Verlassen des Hügels bin ich also eine Art Hygiene-Polizist. So halten wir unseren Ameisenhügel sauber und Krankheiten fern."
Verstehend nickte Karl, meinte aber bedauernd: "Es tut mir leid. Ich würde gern warten, aber ich muss mit den Neuigkeiten in mein Hummelnest. Meine Familie und meine Freunde wollen auch wissen, wo es frischen Nektar zu holen gibt. Wir können es uns nicht leisten, egoistisch nur an uns zu denken."
Nach einer kurzen aber freundlichen Verabschiedung verschwand Ronny im Hügel und Karl machte sich auf den Weg zu seinem Nest.


Kapitel 2
Karls Begegnung mit der Kreuzspinne Susimix

Karl war unterwegs zum Hummelnest. Plötzlich versperrte ein riesiges Spinnennetz den Flugweg. Gerade im letzten Moment hatte der Hummeljunge die Falle bemerkt und sie geschickt umflogen. Da rief Susimix ihm hinterher: "Dieses Mal hast du noch Glück gehabt, morgen gehst du mir ins Netz!"
Der freche und etwas vorlaute Karl spottete zurück: "Da wirst du lange drauf warten können, bin nur eine Eintagsfliege. Bäh, Bäh."
Als er einige Flugschläge weit entfernt war, wischte sich Karl erst einmal den Schweiß mit seinen Fühlern ab. "Das ist ja gerade noch mal gut gegangen", dachte er bei sich. "Morgen muss ich gleich Ronny von dieser Falle erzählen."
Beim Hummelnest wurde Karl schon sehnsüchtig erwartet.
"Wo hast du dich wieder den ganzen Tag herumgetrieben? Wir haben uns schon Sorgen gemacht!", schimpfte die Hummelkönigin vom Buchenbaumnest ein bisschen. Ihre Stimme klang ganz schön aufgeregt. "Du hättest leicht von einem Bienenfresser oder der gefährlichen Kreuzspinne Susimix gefangen werden können!"
Karl stotterte verlegen: "I-I-Ihr habt Recht, was die Susimix anbelangt. Ich wäre beinahe wirklich in ihr großes Spinnennetz am Haselnussbusch geraten, habe sie aber rechtzeitig bemerkt und konnte sie umfliegen."
Ihre Majestät legte ihr gütigstes Gesicht auf und schüttelte das Köpfchen. "Karl, du bist mir schon einer. Mach, dass du deinen Nektar ablieferst. Aber ich sehe es dir an, dass dir noch was auf der Seele brennt."
Der Junge wusste erst nicht wie er anfangen sollte. Dann begann er doch zu erzählen: "Königin, ich habe heute den Ameisenjungen Ronny kennengelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen. Er fiel mir auf, weil er eine Kiefernadel, die um ein Vielfaches länger war als er selbst, auf seinem Rücken zum Ameisenhügel trug."


Die Regentin antwortete: "Ich merke, du bist ein aufgeweckter Hummeljunge. Ich finde es grundsätzlich gut, dass du dir Freunde auch unter den anderen Tieren suchst."
Karl war erleichtert, dass die Königin seine Aktion befürwortete. Interessiert hörte er zu, als sie weitererzählte.
"Ja, die Ameisen haben Vieles mit uns Bienen, Hummeln und Hornissen gemeinsam. Sie sind genauso emsig wie wir. Deshalb werden sie von den Menschen, besonders in Fabeln und Märchen, oft als Emse bezeichnet. Du hast gut beobachtet. Sie tragen Gewichte, die die Größe ihres kleinen Körpers weit übertreffen. Die Menschen sind bis heute nicht hinter dieses Geheimnis gekommen."
"Das werde ich Ronny bei unserer nächsten Begegnung auf der Wiese am Ameisenweg erzählen", meinte der Hummeljunge. Außerdem staunte er: "Ihr wisst aber viel über die Tiere und Menschen, Majestät."
"Ja, Karl. Da hast du recht." Die Königin nickte. "Dieses Wissen wird von Königin zu Königin weitergegeben. Schließlich gibt es uns Insekten und Ameisen schon viel länger als Säugetiere und Menschen. In der Natur hat alles seinen Sinn. Aber für heute reicht unsere Unterhaltung." Großzügig erlaubte sie außerdem: "Du darfst dich weiter mit Ronny treffen. Durch seine Erzählungen lernst du auch viel von den Zusammenhängen in der Natur. Berichte mir dann auch davon. Sie werden meinem Wissensschatz hinzugefügt. So funktioniert die Schule der Naturköniginnen in den Bienenstöcken, Hummelnestern und Ameisenhügeln."


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