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Aus dem Buch: Daniel Schenkel Hrsg. - Vanitas - (Auswahlband)
 
Von unten
Daniel Schenkel

Es geht hinter mir, unter mir. - Hohl, hörst Du? Alles hohl da unten!

Georg Büchner
- Woyzeck

Das uns vorliegende Schriftstück wurde im Zimmer einer Autobahnraststätte an der A 86 Freiburg ? Donaueschingen gefunden. Vom Verfasser, der vermutlich auch Mieter des Zimmers war, fehlt jede Spur. Die zuständigen Behörden haben die Ermittlungen aufgenommen.

Meine Urteilskraft mag unter den kürzlich stattgefundenen Ereignissen gelitten haben, aber ich bin mir sicher, dass der Schrecken in dem Augenblick Gewalt über uns bekam, in welchem wir die Autobahn verließen und auf die Landstraße Richtung Muerenberg einbogen.
Die Straße verdiente ihren Namen eigentlich nicht. Es war ein unbefestigter Feldweg, übersät mit Schlaglöchern und bei Regen wahrscheinlich unpassierbar. Die Bäume standen sehr dicht, hochgeschossen und mit stark belaubten Ästen sperrten sie das vorher so freundliche Sonnenlicht aus; das kleine Stück Himmel, das wir durch die Windschutzscheibe sehen konnten, war zudem binnen Augenblicken von dichten, grauen Wolken überzogen. Jedes Schlagloch rüttelte unseren Wagen dermaßen durch, dass ich um die Stoßdämpfer fürchtete.
Die Route führte in Schlangenlinien durch den Wald und die scharfen Kurven zwangen mich zu höchster Konzentration, wenn ich nicht mit einem Baum oder Felsen kollidieren wollte.
?Sehr rustikal, das Ganze?, sagte Sylvia. Ihrem Tonfall nach war der Urlaub bereits gescheitert und es konnte nur schlimmer werden.
Ich verkniff mir eine Erwiderung. Die Stimmung zwischen uns war schon schlecht genug und ich wollte den seit Langem schwelenden Dauerstreit nicht erneut befeuern.
Der Reisekatalog hatte Muerenberg als idyllischen Ort mit überwältigenden landschaftlichen Reizen angepriesen. Die Abkehr vom Alltagsstress würde unserer zerschrammten Ehe gut tun, hoffte ich jedenfalls. Außerdem war die Unterkunft außergewöhnlich billig ? ein weiterer Vorteil bei unserer schmalen Urlaubskasse.
Als wir das Ortsschild erreichten, atmete ich erleichtert auf. Wäre diese halsbrecherische Strecke weiter gegangen, hätte ich früher oder später sicher einen Unfall gebaut.
Der erste Anblick des Dorfes war ein Schock. Unwillkürlich dachte ich an Bilder verlassener Ortschaften aus dem Weltkrieg, auch wenn die Schäden hier von Verfall und nicht von Bomben herrührten.
Muerenberg bestand mehr oder weniger aus einer einzigen Straße. Den Hausdächern fehlten Ziegel, viele Fensterscheiben waren gesplittert oder mit Brettern vernagelt. Ich sah zwei Autos am Straßenrand stehen, beide verrostet und gewiss nicht mehr fahrtüchtig; die Gewächse in den Gärten waren verdorrt und von einem kränklich gelben Pilzbewuchs befallen, an dessen Giftigkeit ich keinen Zweifel hegte.
Muerenberg schien mir in Bewegungslosigkeit erstarrt, kein Hauch rührte die mit süßlichem Fäulnisaroma durchsetzte Luft.
Ich musste mich verfahren haben. Eventuell hatte ich die Karte nicht richtig gelesen und die falsche Ausfahrt erwischt. Aber nein, das Schild an der Ortseinfahrt hatte zweifelsfrei den Namen des Nestes verkündet, ein Irrtum war ausgeschlossen.
?Wir sollten umdrehen?, sagte Sylvia. Die bösartig wirkende Verkommenheit Muerenbergs erschütterte auch sie.
Aber ich wollte nicht aufgeben. Ich wollte meine Ehe retten und das würde ich auch tun, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Die Pension ?Schöne Aue? unterschied sich kaum von den anderen, heruntergekommenen Häusern; nur ein fast zur Unleserlichkeit verwittertes Schild über dem Eingang wies darauf hin, dass man es mit einer Herberge zu tun hatte. Im Katalog hatte alles ganz anders ausgesehen, aber immer noch hatte ich nicht vor, das Handtuch zu werfen. Es kam jetzt darauf an, das Beste aus der Situation zu machen.
Ich parkte den Wagen im Hinterhof des Hauses.
?Ist dir aufgefallen, dass es hier keine Tiere gibt??, fragte Sylvia beim Aussteigen.
Ich sah mich um und begriff, was sie meinte. Kein Vogel war zu sehen oder zu hören, kein Huhn stolzierte umher und keine Katze schlich an uns vorbei. Muerenberg wirkte ausgestorben, tot wie eine nicht länger genutzte Kulisse.
Mit der Stille wie eine Bleidecke über unseren Köpfen begaben wir uns zum Vordereingang. Als ich die Tür öffnete, kam mir ein Schwall modriger Luft entgegen, der mich an eine lange verschlossene Gruft denken ließ.
Meine Augen brauchten einige Momente, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Hinter einer altmodischen Rezeption, ausgestattet mit einer Glocke auf dem Tresen und einer voll behängten Schlüsselwand, kauerte wasserspeierartig ein dürrer, alter Mann. Bei unserem Eintreten schrak er zusammen und wäre beinahe von seinem Hocker gestürzt.
?Guten Tag?, sagte ich und nannte unsere Namen. ?Wir haben bei Ihnen ein Zimmer gebucht.?
Der Alte hustete und spie in ein zerschlissenes Stofftuch.
?Ach was.? Ein neuerlicher Anfall schüttelte ihn, dann verstummte der Alte und bedachte uns mit einem Blick, den man sich normalerweise für mitternächtliche Einbrecher oder Ratten in der Speisekammer aufspart.
?Das Doppelzimmer ist doch noch frei??, fragte ich, obwohl es durch die Schlüsselwand offensichtlich war.
?Ja.? Der Alte blinzelte, wie gerade aus einem Tagtraum erwacht. ?Ja, natürlich. Warten Sie, Hans wird Ihre Koffer holen. Hans!?
Der Gastwirt brüllte mit erstaunlich kräftiger Stimme nach dem Laufburschen, was weiteres Husten provozierte.
Während wir auf den Gerufenen warteten, sprach niemand von uns ein Wort. Die Grabesatmosphäre erstickte jeden Wunsch nach Konversation, unnötige Worte wären mir wie eine Störung der Totenruhe vorgekommen. Sylvia warf mir einen vielsagenden Blick zu, den ich so gut wie möglich ignorierte.
Ein Poltern. Eine Tür, wohl zum Keller, flog krachend auf und ein pickeliger Bursche mit wirrem roten Haar stapfte herein.
?Hans, verdammt noch mal! Was hast du da unten bloß wieder getrieben??, krächzte der Alte.
Hans sah uns an, schaute den Alten an und zuckte mit den Schultern.
?Die Koffer, Hans!?
Ohne ein Wort trottete der Laufbursche zur Eingangstür. Sylvia ging hinterher, um Hans den Kofferraum aufzuschließen, während ich mit dem immer noch namenlosen Alten das Zimmer besichtigte.
Unsere Unterkunft entsprach meinen ins Bodenlose gesunkenen Erwartungen. Die Einrichtung ? ein wackeliger Tisch mit zwei Stühlen, ein wurmstichiger Schrank und zwei an den gegenüberliegenden Wänden stehende, getrennte Betten ? erweckte den Eindruck, von einem Sperrmülltransporter gefallen zu sein. Auf allen Flächen lag der Staub unübersehbar hoch.
?Bad ist am Ende des Ganges?, sagte der Alte.
Als ich nach einem Fernseher fragte, schüttelte er den Kopf. ?Empfang ist viel zu schlecht hier. Kabel haben wir nicht.?
Der Boden erzitterte. Die Deckenlampe schwang sachte hin und her. Eine feine Putzschicht bröselte herunter.
Bevor ich dem Alten eine entsprechende Frage stellen konnte, wankte Hans herein, mit all unseren Koffern gleichzeitig bepackt.
Sylvia folgte ihm dichtauf. Sie war sehr blass und ihr Mund ein dünner Strich; das Erscheinungsbild des Zimmers, in dem wir die nächsten beiden Wochen verbringen sollten, war zweifellos nicht dazu angetan, ihre Stimmung zu heben.
Wenn mir nicht schleunigst etwas einfiel, würde schon bald ein wahres Ehegewitter über mich hereinbrechen.
?Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Aufenthalt?, sagte der Alte. Ohne unsere Antwort abzuwarten, verließ er den Raum, seinen Gehilfen im Schlepptau.
?Na großartig.? Sylvia setzte sich auf das Bett und wirbelte dabei eine Staubwolke auf.
?Wo glaubst du, kommt das Beben her??, fragte ich.
Sie runzelte die Stirn. ?Wovon redest du??
Ich erzählte ihr von dem Erzittern des Bodens, was sie die Schultern zucken ließ. ?Hab ich nicht bemerkt. Aber kein Wunder. Das Haus liegt wahrscheinlich in den letzten Zügen. Wir können froh sein, wenn es nicht über uns zusammenkracht. Hast du wirklich fein hingekriegt, mein Schatz.? Das Gift in ihrer Stimme hätte ausgereicht, ganz Muerenberg zu verseuchen.

Ich hatte mich für diesen Urlaub entschieden und jetzt war es meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass meine Frau und ich eine schöne Zeit verbrachten. Auf dem Tresen an der Rezeption lag ein vergilbter Prospekt, wahrscheinlich viele Jahre alt, der die Vorzüge Muerenbergs und seiner Umgebung pries. Ganz besonders wurde auf die ?Muerenbergsche Mine? hingewiesen, angeblich Deutschlands ältestes Bergwerk.
Dem Prospekt nach war die Mine um 850 n. Chr. im Auftrag des damaligen Landesherren gegraben worden, um Silber zu schürfen. Der Silberabbau musste sich nicht lange gelohnt haben, denn laut überlieferten Dokumenten aus dem Bestand des Klosters St. Trudpert, wurde die Mine zwei Jahre später aufgrund eines bischöflichen Ediktes geschlossen.
In den folgenden Jahrhunderten hatten die von Geldsorgen geplagten Landesherren immer wieder versucht, den Bergbau erneut aufzunehmen. Die Aktionen waren jedoch stets halbherzige geblieben und rasch abgebrochen worden; der Prospekt machte Andeutungen über Unfälle und Einsturzkatastrophen, die den Silberschürfern den Elan genommen hätten. Seit über dreihundert Jahren stand die Mine nun leer.
Immerhin war das etwas Interessantes. Wenn die Landschaft schon nichts hergab, dann konnte ich Sylvia wenigstens ein wenig Geschichte und Kultur bieten. Zuhause beschwerte sie sich immer, dass ich mich so wenig für Theater, Oper und Museen interessierte. Nun, hier würde ich einmal das Gegenteil beweisen.
Der Alte, der sich mir inzwischen als ?Ignaz? vorgestellt hatte, schüttelte auf meine Frage nach einer Führung durch die Mine den Kopf.
?Das vergessen Sie besser mal. Da können Sie nicht hin. Niemand kann da hin und Führungen gibt?s auch keine.? Er stieß ein abfälliges Schnauben aus. ?Das wäre ja was. Allein die Vorstellung macht mich krank.?
Ich sagte ihm, dass meine Frau und ich uns die Mine sehr gerne ansehen wollten, woraufhin er erneut den Kopf schüttelte. ?Sie wollen das gar nicht, glauben Sie mir.?
?Und warum nicht?? Sein Getue ging mir mehr und mehr auf die Nerven.
Ignaz wischte sich einen Schweißtropfen von der Stirn.
?Die Mine, Sie haben ja gelesen, dass die schon längst dicht gemacht wurde. Man hat es immer wieder versucht und wahrscheinlich gibt es da auch heute noch Silber, wer weiß das schon. Aber dort unten, unten in der Mine meine ich, wie soll ich es sagen ??
Unvermittelt packte er meine Schulter und drückte mit einer Kraft zu, die ich dieser Vogelscheuche von Mann niemals zugetraut hätte. ?Da unten, da sind die Dinge nicht so wie hier, verstehen Sie? Da unten, das ist eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen und die da unten, die mögen es nicht, wenn man sie stört. Nein, die mögen das ganz und gar nicht.?
Abergläubisches Gewäsch war alles, was ich zu diesem Zeitpunkt über Ignaz? Worte dachte. Der Verstand des Gastwirts hatte im Lauf der Jahre offenbar gelitten. Kein Wunder.
In einer so desolaten Umgebung klammerte sich der Verstand sicher bald an jede noch so aberwitzige Idee, um dem tristen Dasein ein wenig Glanz zu verleihen.
Am selben Vormittag brach ich mit Sylvia Richtung Mine auf; natürlich war mir klar, dass ein seit langer Zeit still liegendes Bergwerk Gefahren bereit hielt, aber ich wollte ja auch nicht durch den Stollen kriechen, sondern bis zum Eingang der Mine wandern und vielleicht mit meiner Taschenlampe ein Stück in die Dunkelheit leuchten.
Wenn man der dem Prospekt beiliegenden Karte trauen konnte, lag die Mine nicht weit vom nördlichen Dorfrand entfernt. Zum Glück hatte ich meinen Kompass mit auf die Reise genommen, denn kein Schild wies in die entsprechende Richtung und Ignaz gab auf meine Frage nach dem richtigen Weg nur zusammenhangloses Gemurmel von sich.
Bei unserer Durchquerung Muerenbergs begegneten wir erneut keiner Menschenseele. Womöglich waren Hans und Ignaz die einzigen Bewohner des Dorfes, letzte Überbleibsel eines zu Tode degenerierten Volksstammes.
Andererseits konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, aus den Fensterschluchten heraus beobachtet zu werden, als ob in den Schatten verstohlene Kreaturen lauerten, welche mit starren Augen jeden unserer Schritte verfolgten. Sylvia und ich mochten in dieser Gegend die ersten Touristen seit Jahren sein und Geld in die armselige Gemeinde bringen, willkommen waren wir trotzdem nicht.
?Sie gehen zur Mine.? Der Wind trug das Flüstern heran.
?Seine Frau hasst ihn, weil er unbedingt hierher kommen wollte.?
?Er ist ein Versager.?
Ich wandte mich an Sylvia, die meinen Blick mit versteinertem Gesichtsausdruck erwiderte.
?Hast du das auch gehört??, fragte ich.
?Ich höre hier gar nichts?, lautete ihre Antwort.
Ich zuckte die Schultern und setzte meinen Weg fort. Das Flüstern folgte mir einige Zeit, dann verstummte es, die Beobachter hatten wohl das Interesse an uns verloren.

Ein schmaler, beinahe gänzlich zugewachsener Weg führte Richtung Mine. Sylvia und ich stolperten über Wurzeln und mussten uns unter niedrighängenden Ästen hindurchducken
?Warum lassen wir den Unsinn nicht einfach bleiben??, ließ sich meine Frau vernehmen. ?In diesem dummen Stollen gibt es bestimmt nichts mehr zu sehen.?
Ich schüttelte den Kopf. Wieder hätte ein Umkehren bedeutet, mein Versagen einzugestehen, was sowohl diesen Urlaub, als auch unsere Ehe betraf.
?Wir werden hier eine schöne Zeit verbringen?, sagte ich. ?Da kannst du ganz sicher sein.?
?Und wenn es uns beide umbringt?, fügte Sylvia hinzu. Sie blieb jedoch an meiner Seite und machte keine Anstalten, alleine zum Gasthaus zurückzukehren.
Das Laubwerk tauchte die Umgebung in Zwielicht; der Pilzwuchs, von dem der ständig präsente Fäulnisgestank ausging, war an jedem Stamm zu finden. Die wenigen Gräser und Büsche hatten einen gelblichen Farbton angenommen, als verwelkten sie bereits im Sommer.
Die Natur litt sichtbare Qualen. Etwas Unnennbares hatte sich ihrer bemächtigt und zehrte sie aus wie ein Parasit, ließ sie langsam und elend sterben.
Die Strecke zog sich endlos. Schweiß lief mir über die Stirn und meine Füße schmerzten. Meiner Frau, obwohl um einiges sportlicher, ging es nicht besser, wenn ich ihren schnaufenden Atem richtig deutete.
Gerade als ich eine Rast vorschlagen wollte, erreichten wir unser Ziel. In der Felswand vor uns klaffte ein schwarzes Loch; ich sah zu Boden und entdeckte die letzten rostigen Andeutungen der Schienen, auf denen Bergleute früher Loren geschoben hatten.
Von Nebengebäuden, welche das Bergwerk damals flankiert haben mussten, fehlte hingegen jede Spur. Der Wald hatte sie ganz und gar verschluckt.
Ich blieb vor dem Mineneingang stehen und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Nichts. Die Finsternis war eine undurchdringliche Wand.
Ein Luftzug aus dem Mineninneren, aus den Tiefen der Erde, wehte mir entgegen und ich fröstelte und schlang beide Arme um mich.
?Bist du jetzt zufrieden??, fragte Sylvia.
Ich wünschte, sie würde ihre bissigen Bemerkungen bleiben lassen. Was hoffte sie zu erreichen? Ging es ihr darum, Zwietracht zu säen und mich als dumm und unfähig hinzustellen?
Ein Funkeln in der Düsternis weckte meine Aufmerksamkeit. Ein Licht!
?Mir ist kalt?, jammerte Sylvia. ?Lass uns zurückgehen.?
Ich achtete nicht auf sie. In dem Schacht hatte etwas aufgeleuchtet, ich hatte mich nicht getäuscht. Wie faszinierend. Ob es in diesem längst aufgegebenen Stollen tatsächlich noch Wertvolles gab?
Ich musste der Sache auf den Grund gehen. Ich war diesen beschwerlichen Weg gegangen, nun wollte ich meiner Neugierde wenigstens ein bisschen nachgeben. Wenn ich einen Klumpen Silber oder Gold fand, konnte ich diesen Sylvia präsentieren und ihr so zeigen, dass ihr Mann etwas wert war.
Ich trat in die samtene Nacht der Mine, ließ mich von ihrer Schwärze einhüllen. Kleine Steine knirschten unter meinen Schuhsohlen.
?Spinnst du??, rief Sylvia. ?Du kannst da nicht reingehen.?
?Ich habe doch meine Lampe.?
Ich zog die LED-Leuchte aus meiner Jackentasche und schickte einen Kegel aus kaltem, weißem Licht in den Stollen. Nur ein paar Schritte in die Mine hinein. Das leuchtende Etwas musste ganz nahe sein. Nur ein paar Schritte, mehr nicht.
Sylvia sagte etwas, aber ihre Worte waren unverständlich, als spräche sie von der anderen Seite eines zugezogenen Vorhangs.
Mein Lichtkegel fiel auf nackte Stollenwände und Felstrümmer. Die Temperatur nahm weiter ab und der Atem dampfte vor meiner Nase; das Glühen waberte schemenhaft vor mir, keine Reflexion des Sonnenlichtes auf Edelmetall, sondern eher der gedämpfte Schein einer künstlichen Lichtquelle.
Erkundete ein zweiter Entdecker den Schacht?
Ich drehte mich zu Sylvia, wollte ihr sagen, sie solle warten und sich keine Sorgen machen, ich käme gut zurecht. Einfach umzudrehen, war undenkbar. Sie sollte ihren Mann nicht für einen Feigling halten.
Erschrocken stellte ich fest, dass der Minenausgang auf das Format eines hellen, fußballgroßen Flecks geschrumpft war. Meine Wissbegier hatte mich viel tiefer als geplant in den Stollen vordringen lassen. Wenigstens konnte ich die Öffnung nach draußen sehen, die Rückkehr aus dieser ewigen Nacht konnte sich nicht allzu schwer gestalten.
Ich ging weiter. Der Minenforscher vor mir ? sofern es ihn gab ? musste mich längst gehört haben, meine Schritte knirschten laut genug.
Das Glimmen blieb, wie es war. Ich hatte keine Möglichkeit festzustellen, ob sein Träger mich wahrnahm.
Die Kälte ließ meine Zähne klappern. Durfte es in einem Minenschacht überhaupt so kalt sein? Hatte ich irgendwo nicht einmal gelesen, dass die Temperatur in einer Höhle stets konstant blieb und niemals unter eine gewisse Schwelle sank?
Das Licht meiner Lampe erlosch. Ich fluchte und schüttelte sie, doch es war vergebens. Absolute Schwärze umgab mich. Die Batterie hatte ich neu gekauft, aber anscheinend vertrug das Gerät die frostigen Temperaturen nicht.
Das Glimmen hüpfte auf und ab, sein Besitzer schien sich in Bewegung gesetzt zu haben. Noch ein Schritt ? der Lichtträger war bestimmt schon ganz nahe, möglicherweise brauchte ich nur die Hand auszustrecken, um ihn zu berühren.
Mein Fuß trat ins Leere.
Ich fiel.
Ob ich schrie, weiß ich nicht mehr. Ich ruderte mit den Armen, griff um mich, in der verzweifelten Hoffnung auf irgendeinen Halt.
Eisiger Wind fuhr in mein Gesicht, raubte mir die Luft zum Atmen. Während des Sturzes überschlug ich mich mehrmals. Mein Magen hob und senkte sich und ich erwartete, jeden Moment gegen eine Felswand zu stoßen und mir alle Knochen zu brechen.
Nichts dergleichen geschah. Der Abgrund, in den ich fiel und fiel und fiel, musste von immenser Breite sein.
Als der Aufschlag nach einer Ewigkeit doch kam, trieb er den letzten Rest Sauerstoff aus meinen Lungen. Schmerzwogen überfluteten mich. Dann folgte Stille.

?Wo die Dinge nicht so sind, wie hier?, hatte Ignaz gesagt.
Die Kreaturen. Sie waren überall, drängten sich um mich. Gelbe, pupillenlose Augen, kalkweiße Haut, Zähne rasiermesserscharf und riesig. Die Wesen klapperten unablässig mit ihren Kauwerkzeugen und das Geräusch der aufeinanderschlagenden Kiefer brachte mich beinahe um den Verstand. Sechsfingrige Klauenhände betasteten meinen Körper.
Wo die Dinge nicht so sind wie hier.
Ich hatte keine Schmerzen, konnte mich jedoch nicht bewegen. Entweder hatten die Kreaturen mich betäubt oder meine Sturzverletzungen waren beängstigend schwer.
Unstetes Licht, wie von Fackeln, flackerte über die Felswände dieser Kaverne. In meinem von Sturz oder Drogen abgestumpften Verstand stellte ich mir die Frage, wozu diese Geschöpfe überhaupt Beleuchtung benötigten, Bewohner der Tiefen, die sie wahrscheinlich waren.
Ein Wesen, das ein Stück größer als die anderen war und ein soutaneähnliches Gewand trug, zog meine Aufmerksamkeit auf sich.
Dieser Tiefenbewohner tat nichts, klapperte auch nicht mit den Zähnen, sondern starrte reglos aus nichtmenschlichen Augen auf mich herunter.
Der Priester, denn dafür hielt ich ihn, hob ein Messer mit schwarzer Klinge. Ich ahnte, was gleich geschehen würde, vermochte aber immer noch keinen Muskel zu rühren. Sogar Schreien war unmöglich.
Die Klinge drang knapp oberhalb des Brustbeins in meinen Leib. Es gab keinen Schmerz, tatsächlich spürte ich überhaupt nichts; ich war mir nicht einmal sicher, ob aus der Wunde Blut floss.
Ohne auf Widerstand von Rippen oder anderen Knochen zu stoßen, schnitt der Priester meinen Körper von der Brust bis hinunter zum Schambein auf. Nach wie vor fühlte ich nichts, was mich zum Geschehen eine seltsam distanzierte Haltung einnehmen ließ, so als stießen diese Grausamkeiten einem anderen zu.
Der Priester öffnete meinen zerteilten Brustkorb mit einer Hand, lässig wie man ein Buch aufschlägt. Er griff in mich hinein und zog etwas heraus, einen zuckenden, roten Fleischklumpen, der vielleicht mein Herz war. Mit einer abfälligen Geste warf er den Klumpen hinter sich, um anschließend weitere, zuckende Dinge aus mir herauszuholen, manche rosig, andere tiefrot.
Ich erlebte meine eigene Ausweidung und blieb die ganze Zeit schmerzfrei und bei vollem Bewusstsein. Als ich gänzlich ausgenommen war, überreichte ein anderer Tiefenbewohner dem Priester eine Schale, in der mehrere organisch anmutende Gebilde lagen. Diese Gebilde stopfte der Priester in die leere Hülle, die mein Körper nun war.
Ich kann die Objekte, die er mir einverleibte, nicht anders beschreiben, als dass sie stumpf, grau und tot aussahen, zu Stein erstarrte Nachbildungen fremdartiger Innereien.
Der Priester klappte die beiden Hälften meines Brustkorbes wieder zu. Das Buch war zu Ende gelesen.
Der Schrecken ergriff schließlich doch von mir Besitz. Ich wollte vor Panik brüllen. Wollte mich durch die Reihen der Tiefenbewohner kämpfen und mein Heil in der Flucht suchen; aber der verdammte Körper wollte nicht gehorchen, hatte mich im Stich gelassen, hatte mich verraten.
?Wie unten, so oben.? Die Stimme des Priesters dröhnte in ohrenbetäubender Lautstärke. ?Schon bald wirst du es sehen und du wirst begreifen.?
Nach diesem Satz fiel ich erneut in eine Ohnmacht, die ich nicht gnädig zu nennen wage.

Ich erwachte im feuchten Gras. Ein erster Reflex ließ mich meinen Oberkörper betasten, nach den Verstümmelungen suchen. Aber da war nichts. Sogar mein Hemd und meine Jacke wiesen nicht die geringste Beschädigung auf, sondern waren nur klamm vom Tauwasser.
Schwankend kam ich auf die Füße. Ein voller Mond stand am Himmel und tauchte die Häuser Muerenbergs in fahles Licht. Ich rief nach Sylvia, bekam jedoch keine Antwort.
Auf Beinen weich wie Gummi stakste ich zum Gasthaus zurück.
Hatten die Tiefenbewohner mich freigelassen? Ich sollte tot sein, unter schrecklichsten Qualen an meinen Verletzungen verendet.


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