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Aus dem Buch: Daniel Schenkel - Die Muerenberg Chroniken - (Auswahlband)
 
Eine Insel im Nichts

1

Was mich in das halb verfallene Muerenberg verschlug, diese in einem wenig erschlossenen Teil des Landes gelegene Stadt, weiß ich nicht mehr. Der Grund ist aus meiner Erinnerung verschwunden wie so vieles andere.
War es Abenteuerlust? Die Suche nach dem Unbekannten? Oder war ich auf der Flucht vor etwas gewesen, zum Beispiel vor dem Gesetz? All dies ist möglich.
Wie lange ich schon in Muerenberg lebe, ist ebenfalls eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Die Zeit in dieser Stadt zieht sich wie Kaugummi, eine endlose Abfolge nebelverhangener Tage und Nächte, einer wie der andere, alle gehüllt in Schweigen und Verfall.
Aber im Gegensatz zu vielen anderen Bewohnern Muerenbergs konnte ich immer noch klar denken. Ich besaß meinen zutiefst rationalen Verstand, den es zu beschäftigen galt, zum Beispiel damit, dass ich versuchte, eine Karte Muerenbergs anzufertigen, Ordnung in eine Umgebung aus alles verhüllendem Nebel und Ruinen zu bringen. Wie sich sehr bald herausstellte, ein schwieriges Unterfangen.
"Was soll denn der Unsinn?", fragte Sylvia mich regelmäßig, wenn ich über meinen Bleistiftskizzen brütete.
Sylvia lebte schon viel länger in Muerenberg als ich, wenigstens dessen war ich mir sicher. Die Stadt hatte ihr Haar und die Augen stumpf werden lassen, hatte das Leben aus ihrem Körper gesogen und ihr die für diesen Ort so typische Gleichgültigkeit eingepflanzt. Wir teilten Tisch und Bett, lagen des Nachts schweigend nebeneinander, empfanden keine Leidenschaft, wahrscheinlich auch keine Liebe, wussten nur, dass alles besser war, als alleine an diesem Ort zu sein.
Sylvia arbeitete im einzigen Hotel Muerenbergs, eine Herberge, die sich ironischerweise Zur schönen Aue nannte. Das Hotel hatte kaum Gäste, manchmal kam wochenlang überhaupt niemand, aber trotzdem zahlte der alte Ignaz ihr einen Lohn, der knapp für uns beide reichte.
Nicht, dass wir viel Geld ausgegeben hätten, Muerenberg bot dazu äußerst wenig Gelegenheit.
In Bahnhofsnähe gab es ein Lokal namens Zimzum, wo man essen, trinken und manchmal sogar tanzen konnte. Es gab außerdem Frau Palacks Gemischtwarenladen, das besagte Zur schönen Aue und eine äußerst zweifelhafte Imbissbude, bei der ich noch nie gegessen hatte. Darüber hinaus existierten eine Reihe von Kneipen und Läden, die nicht mehr als Löcher in Hauswänden waren. Das Mobiliar dieser Löcher in der Wand war stets verfallen und wurmstichig und die Waren und Getränke von höchst zweifelhafter Qualität.
Unter diesen Umständen wäre es natürlich klug gewesen, Muerenberg den Rücken zu kehren und irgendeinen anderen Ort zu finden. Trostloser und verlassener konnte es nirgendwo sein. Sylvia und ich sprachen oft darüber, aber wir taten es nie, genau so wenig, wie die anderen Bewohner Muerenbergs.
Etwas hielt uns hier.
War es Gewohnheit? Phlegma? Oder beherrschte etwas ganz Anderes unser Denken, steuerte uns ein unsichtbarer Puppenspieler, zog an unseren Fäden, ließ uns Tätigkeiten ausführen, deren Sinn wir nicht verstanden.
Um auf die Kartographie der Stadt zurückzukommen: Es war ein frustrierendes Unterfangen. Zwar hätte man meinen können, ich sollte die Stadt, bis auf wenige Ausnahmen, mittlerweile gut genug kennen, aber dem war nicht so.
Ich kannte natürlich die einzelnen Fixpunkte, den Gemischtwarenladen, das Zimzum, das Hotel und so weiter, aber die Wege dorthin schienen beständiger Veränderung unterworfen. Beispielsweise dauerte der Weg zum Zimzum manchmal zehn Minuten, ein anderes Mal war es ein Fußmarsch von knapp über drei Stunden, als läge das Lokal plötzlich am anderen Ende der Stadt.
Mit den übrigen Fixpunkten verhielt es sich nicht anders und der allgegenwärtige, gelbe Nebel, der sich niemals lichtete, trug auch nicht zur Übersichtlichkeit der Situation bei.
So gingen die Tage in dumpfem Brüten dahin. Ich erinnere mich, eines Tages mit einem Bekannten über mein Vorhaben gesprochen zu haben. Der Bekannte hieß Gram, eine maulwurfsartige, kleinwüchsige Figur mit einem Kneifer auf der Nase und einer spiegelnden Glatze. Angeblich besetzte er in Muerenberg den Posten des Stadtsprechers, doch hatte ich ihn nie eine öffentliche Rede halten hören.
Das Loch in der Wand, in dem wir saßen, trug den passenden Namen Eckstube und wurde von einem Mann namens Sammet betrieben, dem das fettige, ungewaschene Haar in Strähnen über die Schultern fiel.
"Ist eine interessante Idee", sagte Gram, nahm einen Schluck Bier und rülpste. "Es gibt natürlich Karten von der Stadt, aber die sind nur allzu oft falsch. Allerdings kenne ich auch Leute, die sich nach so einer Karte gerichtet haben und tatsächlich dorthin gekommen sind, wo sie hinwollten. Es kommt immer darauf an."
"Worauf kommt es an?", wollte ich wissen.
Gram zuckte die Schultern. "Darauf, wer die Karte benutzt, vermute ich. Es gab mal einen Mann mit einem Fahrrad, ein Auswärtiger, der mit Hilfe so einer alten Karte die ganze Stadt durchquert hat. Allerdings habe ich das nur gehört."
"Wann soll denn das gewesen sein?", bohrte ich weiter.
"Keine Ahnung ?" Neuerliches Schulterzucken von Gram. "Ich hab?s nicht so mit der Zeit, die Stadt aber auch nicht. Manchmal ergibt alles einen Sinn, manchmal führen die Straßen in die richtige Richtung, dann wieder ist alles so verworren und vage und man glaubt, auf einer Insel im Nichts zu leben, im gelben Nichts, wohlgemerkt."
Ich nickte. Ja, ich verstand, was Gram meinte.
"Trotzdem, ich will es wissen", sagte ich. "Es muss doch möglich sein, eine Orientierungshilfe zu schaffen, etwas wonach sich die Leute in Muerenberg richten können."
Gram schüttelte den Kopf. "Sinnloser Ehrgeiz ist das, meiner Meinung nach. Selbst wenn Sie es schaffen, eine verbindliche Karte zu erstellen, wer soll sie lesen, wen interessiert das überhaupt?"
"Mich interessiert es." Ich würde mich von meinem Entschluss nicht abbringen lassen, auch da es sonst keine Aufgabe für mich gab. Ohne eine sinnvolle Tätigkeit war ich nur ein weiterer Phlegmatiker, der in den wallenden Nebel starrte.
"Na schön" Gram seufzte. "Haben Sie schon einmal mit Kempf gesprochen? Vielleicht kann der Ihnen weiterhelfen."
Ich sagte, dass ich diesen Mann nicht kenne und fand das selbst einigermaßen merkwürdig. Die Einwohnerzahl Muerenbergs war so zusammengeschrumpft, dass unvermeidlicherweise jeder irgendwann jeden kannte.
Gram gestattete sich ein schwaches Lächeln. "Yaron Kempf lebt sehr zurückgezogen. Sogar nach unseren Standards ist er ein Einsiedler. Ich glaube, er ist so eine Art Gelehrter, jedenfalls weiß er sehr viel und kennt sich in zahlreichen obskuren Fachgebieten aus."
Ich dankte Gram für die Information und sagte ihm, dass ich Kempf bald aufsuchen würde.
Der Stadtsprecher starrte eine Weile in sein fast leeres Bierglas und auf einmal liefen ihm Tränen über beide Wangen.
Über den plötzlichen Stimmungswandel überrascht, fragte ich ihn, was denn los sei.
"Das hat nichts mit Ihnen zu tun", wisperte er so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte. "Es ist die Stadt, wissen Sie, oder der Nebel oder beides, ich weiß es nicht."
Gram fasste mich an der Schulter und zog mich näher zu sich.
"Manchmal glaube ich, dass ich schon tot bin", flüsterte er. "Dass jemand mich ermordet hat."
"Wer?", war alles, was ich herausbrachte.
"Das weiß ich nicht. Ein Fremder auf der Durchreise, ich kenne seinen Namen nicht. Wahrscheinlich ist alles nur ein ständig wiederkehrender Albtraum, aber die Details stehen mir so deutlich vor Augen. Ich treffe den Fremden in der Schönen Aue und ich gebe ihm eine Wegbeschreibung, über die er sich sehr freut. Aber ich weiß, dass ich den Mann nicht ziehen lassen darf. Ich habe keinen echten Grund für das, was ich tue, aber in der folgenden Nacht nehme ich ein Messer und schleiche zu dem Zimmer, in dem der Fremde schläft."
"Was wollten Sie tun?", fragte ich.
Gram starrte blicklos vor sich hin. "Das weiß ich auch nicht, aber das Messer lässt nichts Gutes erahnen, oder? Jedenfalls öffne ich die Tür. Die Angeln quietschen viel zu laut. Ich kann nichts dagegen tun. Der Fremde hat mich natürlich gehört und erwartet mich bereits. Er packt mich mit beiden Händen am Hals."
Grams Stimme wurde immer gehetzter. "Er schmettert meinen Kopf erst gegen die Bettkante, dann gegen die Wand", zischte er. "Ich bin zu überrascht, um mich zu wehren. Als ich zu Boden gehe, schlägt der Fremde weiter auf mich ein, er lässt nicht von mir ab. Irgendwann liege ich reglos da und weiß, dass ich tot bin. Tot, können Sie sich das vorstellen?"
Grams Griff um meine Schulter verstärkte sich, bis es schmerzte.
"Wahrscheinlich nur ein Traum", sagte ich, mehr um den Stadtsprecher zu beruhigen, als dass ich es glaubte.
Aber er schien mich nicht zu hören, redete weiter, als spräche er zu sich selbst: "Der Fremde will nicht erwischt werden, also schiebt er meine Leiche unter das Bett und verlässt das Zimmer. Da liege ich dann, kalt und reglos, geronnenes Blut im Gesicht. Niemand kommt, um nach mir zu sehen, niemand scheint mich zu vermissen, wahrscheinlich werde ich unter dem Bett liegen, bis der Fäulnisgeruch jemanden aufmerksam macht und man meinen Leichnam endlich hervorzieht."
Gram verstummte, saß einfach nur teilnahmslos da, während Tränen über sein Gesicht liefen.
"Yaron Kempf, wissen Sie, wo er wohnt?"
Ich musste die Frage mehrmals wiederholen, bevor Gram seinen verschleierten Blick wieder auf mich richtete.
"Wardweg 13", murmelte er. "Der ist in der Nähe der Pickmannstraße. Meistens ist er das, besser gesagt." Sein Auflachen hätte auch ein Schluchzen sein können.
Ich verabschiedete mich mit ein paar gemurmelten Worten. Der Stadtsprecher blieb sitzen und nach seinem Gesichtsaudruck, war ich aus seiner Wahrnehmung verschwunden, noch bevor ich die Eckstube verlassen hatte.

2

Der Wardweg war nicht einfach zu finden. Am Tag meiner Suche schien der Nebel sogar noch heftiger zu wogen als üblich und mehrmals wäre ich fast gegen eine Hauswand oder einen Laternenmast geprallt. Es war, als behindere Muerenberg selbst meine Suche.
Straße um Straße tastete ich mich voran, orientierte mich an den Schildern und Häusern, die mir zumindest halbwegs vertraut vorkamen. Die Pickmannstraße, die direkt an den Friedhof angrenzte, war ein guter Orientierungspunkt. Die Mauer um die Begräbnisstätte war auch im dichtesten Nebel zu finden, also versuchte ich, diese Richtung einzuschlagen. Zum Wardweg würde es von dort nicht mehr weit sein.
Wie es in Muerenberg oft der Fall war, begegnete ich keinen anderen Passanten, sah und hörte auch kein Auto, das sich den Weg durch den Dunst bahnte. Die Stadt hätte komplett verlassen sein können.
Doch nach einiger Zeit des Umherirrens, in der ich mehr und mehr das Gefühl bekam, mich im Kreis zu bewegen, glaubte ich, nicht mehr ganz allein zu sein. Jemand beobachtete mich. Es gab keinen Hinweis, den ich hätte benennen können, keine verhaltenen Schritte auf dem gesprungenen Asphalt oder dergleichen, aber das Gefühl war da. Ein Kribbeln in meinem Nacken, die Ahnung von Bewegung knapp außerhalb meines Gesichtskreises.
Verfolgte mich jemand? Und wenn ja, aus welchem Grund?
Mehrmals wirbelte ich herum, in der Hoffnung, den Verfolger zu überraschen und zu stellen, aber stets sah ich nur wirbelnde, gelbe Nebelschwaden, in denen sich alles Mögliche verbergen konnte.
Ich beschleunigte meine Schritte. Jeder Fußtritt kam mir unangemessen laut vor, schien durch die ganze Stadt zu hallen.
Endlich tauchte die Friedhofsmauer vor mir auf. Mein Ziel war nahe. Ich folgte der Mauer, überquerte dann die Straße, ging weiter, die verfallenen Häuserzeilen entlang. Die Abzweigung zum Wardweg musste bald kommen.
Ein Geräusch ließ mich innehalten. Es waren nicht meine eigenen Schritte, das war sicher. Vielmehr hörte ich ein feuchtes Schleifen, als zerre jemand einen nassen Sandsack über die Straße.
Ich blickte mich um, sah aber immer noch nichts.
Etwas näherte sich. Etwas, das sich im gelben Nebel verbarg.
Ich presste mich an die nächste Hauswand. Angst schnürte mir die Kehle zu, dass ich kaum noch Luft bekam. Mein Herz schlug im Stakkato. Schweiß lief mir über die Stirn.
Ein Umriss schälte sich aus dem Nebel. Langsam, geradezu quälend.
Das Ding kam die Straße hinunter, bewegte sich schleppend vorwärts, als bereite ihm das Vorankommen Mühe. Seine Silhouette war riesig. Es überragte die Häuser in der Straße um mindestens ein Stockwerk. Ich konnte es nicht genau erkennen, der Nebel verbarg seinen Anblick zum größten Teil und dafür war ich dankbar.
Dieses Ding durfte mich nicht einholen, das spürte ich. Der Nebel war dabei, etwas Abscheuliches auszuspeien und wenn es mich erreichte ?
Ich sprintete los. Der giftige Nebel stach in meinen Lungen, aber auch das hielt mich nicht auf. Das schleifende Geräusch blieb mir jedoch in den Ohren, so sehr ich auch rannte. Trotz seiner vermeintlichen Schwerfälligkeit holte mich der Schrecken allmählich ein, als liefe ich wie in einem Albtraum auf der Stelle.
Eine Abzweigung! Verkündete das vom Nebel eingewobene Straßenschild den Wardweg?
Ich blieb nicht stehen, um das überprüfen, denn das Grauen war immer noch hinter mir, langsam aber unaufhaltsam.
Auch in dieser Straße herrschte der Verfall. Alle Häuser, die ich passierte, waren abbruchreif und sicher unbewohnt. Nummer 13, ich brauchte die Nummer 13, verdammt!
Näher und näher und näher kam das Schleifen. Das hausgroße Ding würde mich erwischen, würde sich in seiner ganzen Entsetzlichkeit vor mir erheben.
Die Hausnummer 13! Die rostige Plakette hing unscheinbar neben dem Eingang und beinahe wäre ich vorbeigerannt.
Ich hämmerte gegen die Tür.
"Machen Sie auf!", rief ich.
Das Schleifen kam näher und näher. Den Kopf zu drehen, wagte ich nicht, weil ich die Monstrosität dann sehen würde, weil ich dann den Verstand verlieren musste.
"Aufmachen!", brüllte ich noch einmal und meine Stimme quietschte vor Panik.
Das Ding war nahe, das Ding war hier ?
Die Tür ging auf. Eine dunkle Gestalt stand vor mir, schwaches Licht in ihrem Rücken machte sie zum bloßen Umriss. Ich stieß die Person beiseite. Hechtete ins Hausinnere, wo ich völlig erschöpft gegen eine Wand taumelte, an der ich zusammensackte.
"Was ist denn los?", fragte eine Männerstimme.
"Schließen Sie die Tür!", stieß ich hervor, bevor mir ein Hustenanfall das Wort abschnitt.
Der Mann warf die Tür ins Schloss und legte einen Riegel vor. Dann drehte er sich wieder zu mir. Er mochte um die sechzig Jahre alt sein. Graues Haar fiel ihm ungekämmt bis auf die Schultern und seine dicke Brille verlieh ihm das Aussehen einer Eule. Er trug einen verblichenen Morgenmantel und löchrige Filzpantoffeln. Stirnrunzelnd sah der Grauhaarige auf mich herunter.
"Und was verschafft mit die Ehre?", wollte er wissen.
Ich kam wieder auf die Beine, wischte mir den Schweiß von der Stirn. Das Monstrum draußen machte anscheinend keine Anstalten, in das Haus einzudringen und ich hoffte, dass das so bleiben würde.
"Sind Sie Yaron Kempf?", fragte ich.
"Der bin ich", antwortete er. "Aber das ist auch kein Grund, einfach so bei mir hereinzuplatzen."
"Auf der Straße ist etwas", sagte ich. "Es hätte mich beinahe erwischt."
Kempf zuckte die Schultern. "Mag schon sein. Seltsame Dinge schleichen manchmal durch Muerenbergs Straßen. Aber trotzdem noch einmal: Was wollen Sie von mir?" Hinter den dicken Brillengläsern funkelten seine Augen misstrauisch.
Ich warf noch einen beunruhigten Blick zur Tür, aber als keine wilde Bestie Anstalten machte, durch das Holz zu brechen, zwang ich mich, gelassen und ruhig zu sprechen. Kempf sollte mir bei meinem Vorhaben helfen und das würde er gewiss nicht tun, wenn er den Eindruck hatte, einen stammelnden Irren vor sich zu haben.
Er hörte mir die ganze Zeit schweigend zu, dann nickte er bedächtig.
"Sie haben da wirklich ein interessantes Vorhaben, das muss ich zugeben", sagte er. "Natürlich gibt es viele Karten der Stadt, aber die meisten stimmen nicht oder besser ?" Er schenkte mir ein schiefes Grinsen. " ? meistens stimmen sie nicht."
Mit einer Geste forderte er mich auf, ihm zu folgen und ich schlurfte hintendrein. Jetzt, da die unmittelbare Gefahr vorüber zu sein schien, spürte ich die Erschöpfung in jedem Knochen.
Kempf führte mich in einen zur Bibliothek ausgebauten Raum, der den größten Teil des Erdgeschosses einzunehmen schien. Bücher waren überall, nicht nur in den ohnehin vollgestopften Regalen. Sie stapelten sich auf dem Boden, bedeckten alle im Raum verteilten Tische und sogar auf den Sesseln und Stühlen lagen speckige, ledergebundene Einbände übereinander.
"Setzen Sie sich", sagte Kempf. "Möchten Sie etwas trinken?"
Ich bejahte dankbar, meine Kehle war wie ausgedörrt.
Kempf verließ die Bibliothek und ließ mich in der Unordnung allein. Da alle Sitzgelegenheiten mit Büchern belegt waren, blieb mir nichts anderes übrig, als einen Buchstapel von einem Sessel zu nehmen und auf den Boden zu legen.
Ich ließ mich in den Sessel plumpsen. Die Federung ächzte bedenklich und für einen Moment fürchtete ich, das Möbelstück würde unter mir zusammenbrechen. Kempf war offensichtlich ein Junggeselle, der so gut wie nie Besuch bekam. Ich fragte mich, wie Gram auf die Idee gekommen war, dieser komische Kauz könne mir weiterhelfen.
Während ich auf Kempfs Rückkehr wartete, besah ich mir einige der herumliegenden Bücher. Die Werke waren allesamt alt, die Worte auf den Einbänden in Latein oder Griechisch, manche Schrift konnte ich nicht einordnen und hielt sie für Arabisch oder Hebräisch. Aus Neugier nahm ich einen Folianten zur Hand und blätterte ihn durch. Die verschnörkelten Zeichen auf den vergilbten Seiten waren mir unverständlich ? ich konnte nicht einmal die Sprache bestimmen, wahrscheinlich irgendein altdeutscher Dialekt. Die Illustrationen waren jedoch deutlich genug, um mir erneut kalten Schweiß auf die Stirn zu treiben. Ich sah in Roben gekleidete Männer und Frauen inmitten tiefschwarzer Wälder. Sie standen im Kreis um ein mit Steinen auf dem Boden geformtes Zeichen, das mich an einen Zweig mit fünf Trieben erinnerte, drei auf der linken Seite, zwei auf der rechten.
Und über dem Zeichen schwebte etwas. Die Kreatur hatte keinerlei Ähnlichkeit mit einem Geschöpf, das auf einer gesunden und heilen Welt existieren konnte. Das Wesen besaß unzählige Augen und Mäuler und klauenbewehrte Arme, die in alle Richtungen zu greifen schienen und selbst aus der Tuschezeichnung heraus spürte ich ihre unirdische Bosheit wie einen entfernten Pesthauch. Ich blätterte weiter und fand noch mehr abgebildete Ungeheuerlichkeiten, mehr auf Papier festgehaltenen Wahnsinn. Dieselben Kuttenträger standen um einen rechteckigen Steinquader, der nichts anderes als ein Altar sein konnte. Auf diesem Altar lag ein nacktes, junges Mädchen, augenscheinlich bewusstlos. Ihr langes Haar reichte von der steinernen Liege bis zum Boden. Ein vage humanoides Geschöpf kniete wie ein lebendig gewordener Wasserspeier über der jungen Frau. Es waren nicht einmal die Fledermausflügel oder die sechsfingrigen Krallenhände der Kreatur, die mich so entsetzten. Nein, dieses Wesen hatte kein Gesicht. Wo sich bei einem erdgeborenen Tier oder Menschen Augen, Nase und Mund befanden, war hier nichts als Schwärze, so als hätte der Schöpfer dieses Untiers es nicht für nötig befunden, seine Züchtung mit Sinnesorganen auszustatten.
"Sie können sprechen." Kempfs Stimme ertönte direkt hinter mir.
Sein plötzliches Auftauchen ließ mir den Schrecken in die Glieder fahren. Das Buch fiel mir aus den Händen und landete mit einem dumpfen Laut auf dem Teppich.
Kempf stand hinter dem Sessel, zwei Tassen mit dampfendem Inhalt in der Hand. Er fand einen freien Fleck auf dem Tischchen in meiner Nähe und stellte eine Tasse dort ab.
"Die Nachtschrecken können sprechen", wiederholte er. "Auch wenn ich nie verstanden habe, wie sie das anstellen. Wahrscheinlich ist es eine Art Telepathie."
Ich nickte nur, zu perplex für irgendeine andere Äußerung.
Hielt Yaron Kempf die in dem scheußlichen Buch dargestellten Kreaturen tatsächlich für real? Konnte es solche Monster wirklich geben oder musste ich am Geisteszustand meines Gastgebers zweifeln?
"Wie Sie gesehen haben, gab es in früheren Zeiten Zuchtprogramme." Kempf verfiel in einen dozierenden Tonfall, der mich an eine universitäre Vorlesung denken ließ. "Ich weiß nicht, von wem die Initiative anfangs ausging, von den Nachtschrecken oder ihren menschlichen Verehrern. Tatsache ist aber, dass auf diese Weise Hybriden entstanden, die in der Lage sind, menschliche Gestalt anzunehmen und sich so frei unter unseresgleichen zu bewegen. In ihrer wahren Gestalt besitzen die Hybriden Mäuler und Zähne, was sie nicht unbedingt angenehmer macht. Nun, Sie können sich bestimmt denken, dass sie keine Vegetarier sind." Er schenkte mir ein verschmitztes Lächeln, als habe er sich soeben einen kleinen Scherz unter Eingeweihten erlaubt.
"Tut mir leid, Sie belästigt zu haben." Ich stand auf. Grams Tipp war für die Katz gewesen. Kempf war eindeutig verrückt. Nein, ich musste mein Ziel, eine verbindliche Karte Muerenbergs zu erstellen, anderswo weiterverfolgen.
"Das fällt Ihnen ja reichlich spät ein." Kempf schnaubte. Er ließ sich auf einem Kanapee nieder, wobei er mehrere Bücher achtlos beiseite schob. "Da Sie mich ohnehin schon gestört und meinen restlichen Tagesablauf durcheinander gebracht haben, können Sie sich auch anhören, was ich über Ihr Vorhaben denke. Genau gesagt, schulden Sie mir das sogar."
"Ich möchte Ihnen wirklich keine weiteren Umstände machen", murmelte ich.
Kempf verzog das Gesicht. "Sie haben mir schon mehr als genug Umstände gemacht, als Sie wie ein Überfallkommando in mein Haus gestürmt sind, finden Sie nicht? Auf alles Weitere kommt es dann auch nicht mehr an."
Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse. "Missverstehen Sie den Tee auch nicht als Geste der Gastfreundschaft. Ich wollte ohnehin Tee machen und anders als die meisten Bewohner Muerenbergs verfüge ich noch über ein Mindestmaß an Anstand. Also, wenn Sie kein vollkommner Rüpel sein wollen, hören Sie sich gefälligst an, was ich Ihnen zu sagen habe."
Jede Spur von Freundlichkeit war aus Kempfs Stimme und Gesichtsausdruck verschwunden. Mehr und mehr gewann ich den Eindruck, er hätte mich nur Platz nehmen lassen, um mich besser schurigeln zu können. In der Tat, ein verschrobener Kerl.
"Sie wollen also Ordnung in das Chaos Muerenbergs bringen", begann Kempf. "Und Sie glauben, das durch eine Stadtkarte erreichen zu können."
"Es wäre zumindest ein Anfang", sagte ich schwach.
Kempf gönnte sich einen Schluck Tee. "Ihre Idee hat etwas rührend Naives, das muss man schon sagen." Für diesen gönnerhaften Tonfall hätte ich Kempf den dampfenden Tee ins Gesicht schütten können, aber bevor ich zu einer empörten Erwiderung ansetzen konnte, fuhr er fort: "Ich lebe schon sehr lange hier, wie lange, kann ich nicht sagen, das liegt in der Natur der Stadt. Eines ist mir jedoch in unzähligen Jahren klar geworden: Muerenberg ist alt, mein Herr. Vielleicht hieß es nicht immer Muerenberg, vielleicht war es auch nicht immer eine Stadt und vielleicht haben nicht immer nur Menschen hier gehaust, aber dieser Ort existiert schon unvorstellbar lange Zeit."
"Seit Dinosaurier über die Erde wanderten?", warf ich sarkastisch ein.
Kempf ging nicht auf meinen kläglichen Scherz ein, sondern sah mich mit ernster Miene an.
"Vielleicht länger", sagte er. "Vielleicht schon sehr viel länger."
"Für meinen Plan ist das aber nicht wichtig", hielt ich dagegen. "Ich will ja eine Karte des jetzigen Muerenberg zeichnen. Eine exakte Karte."
"Das sagten Sie bereits und das ist wohl auch das Problem: Ihr Vorhaben wird scheitern, es kann nur scheitern, es muss scheitern."
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. "Das sehe ich aber nicht so."
"Wie Sie meinen." Kempf zuckte die Schultern. "Ihr Verhalten sagt mir nur, dass Sie die Natur dieser Stadt nicht einmal ansatzweise verstanden haben."
"Na, dann klären Sie mich auf." Ich hatte von Kempfs schulmeisterlichem Tonfall endgültig genug. Es war wirklich an der Zeit, aufzustehen, zu gehen und diesen arroganten Bücherwurm zu vergessen.
"Ich denke, Sie kennen den Friedhof", sagte Kempf.
Als ich widerwillig nickte, fuhr er fort: "Vom ältesten Teil der Anlage führt ein Trampelpfad ins Unterholz. Es ist nicht der schnellste Weg oder der kürzeste, aber in Anbetracht der Umstände wohl der sicherste, der Sie zum Ziel führen wird."
"Und wohin sollte das sein?", wollte ich wissen.
"Zur Mine natürlich."
Ich runzelte die Stirn. "Welche Mine?" Dass man in Muerenberg Bergbau betrieb, hatte ich noch nie gehört.
"Seit die Stadt so ist, wie sie jetzt ist, kennen in der Tat nur noch wenige diesen Ort", sagte Kempf. "Ein Besuch wird Ihre Fragen beantworten und Sie werden Muerenbergs Natur verstehen."
"Und das soll mir helfen, eine Karte zu zeichnen?", fragte ich scharf.
Ein Klopfen unterbrach unser Gespräch. Jemand hämmerte gegen die Tür, noch viel kräftiger und penetranter, als ich es getan hatte.
Kempf runzelte die Stirn. "Geht ja zu wie auf dem Bahnhof." Er erhob sich und verließ den Raum, wahrscheinlich um nachzusehen, wer auf seine Tür eindrosch.
Ich hörte ein Knarren und das Klopfen verstummte. Stimmen drangen zu mir. Ich erkannte Kempf, dann eine andere, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Was gesprochen wurde, verstand ich nicht, aber etwas im Tonfall des Neuankömmlings ließ meine Nackenhaare sich aufstellen. Ich konnte nicht sagen, woran genau es lag, die unterschwellige Bedrohung in jenem schnurrend sanften Tonfall erschreckte mich jedoch mehr, als wildes Gebrüll es getan hätte. Wem auch immer dieses schnurrende Raubtierorgan gehörte, ich wollte ihm nicht begegnen.
Ich stand auf, stellte die Teetasse achtlos auf einem Buch ab. Kempf unterhielt sich immer noch mit dem Fremden. Ein einziger, verständlicher Satz drang zu mir und dieser brachte mich dazu, sofort fliehen zu wollen.
"Er ist hier", sagte Kempf.
Es war nur zu klar, wen er meinte. Ich musste hier weg. Schnell. Der Neuankömmling durfte mich nicht finden, das spürte ich. Der Weg durch die Haustür war versperrt und falls es einen Hinterausgang gab, hatte ich ihn nicht gesehen. Mangels einer Alternative schlich ich so leise wie möglich in den Flur. Ich sah weder Kempf noch den Neuankömmling ? beide mussten noch direkt an der Haustür stehen.
"Bücherwurm, du solltest wirklich aufpassen, wen du bei dir beherbergst." Die Drohung in den Worten der schnurrenden Stimme war unüberhörbar.

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