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Aus dem Buch: Daniel Schenkel - Liber Nominum Mortuorum - (Auswahlband)
 
Ein sauberer Abgang
Tobias Bachmann
»I`m a suicidal failure, I`ve got to get some help
I have suicidal tendencies, but I can`t kill myself«
- SUICIDAL TENDENCIES: »Suicidal Failure« (1983)

Benno wusste, dass man das Haus sprengen würde; und das war ihm nur recht. Er wollte einen sauberen Abgang. Sauber in dem Sinne, dass es seinen Angehörigen erspart bleiben würde, seinen Leichnam identifizieren zu müssen. Schon immer hatte er viel Wert auf Sauberkeit gelegt. Die
Sprengung des Hauses würde dafür sorgen, dass von ihm
nichts übrig blieb. Eine saubere Sache.

Das Gebäude befand sich inmitten des Industriegebietes der Stadt. Zu Fuß waren es von dort keine zwanzig Minuten zum Zentrum. Das Industriegebiet bestand neben einer Großmolkerei, einem Zementwerk und einer Firma für Solaranlagen zum größten Teil aus Lagerhallen, LKW-Fuhrunternehmen und einem bedeutenden Spielzeughersteller. Drumherum warteten die wenigen Quadratkilometer ungerodeten Waldes darauf, dem nächsten Firmenmonopol Platz zu machen. Die Immobilienagentur der Firma hatte das alte, leerstehende Herrenhaus gleich mitgekauft, und da Benno als Notar die Kaufverträge erarbeitet hatte, wusste er, dass das Haus gleich am nächsten Morgen in Schutt und Asche aufgehen würde. Die Aufsichtsbehörde hatte die Sprengung für fünf Uhr dreißig genehmigt. Noch vor sechzehn Jahren hatte darin ein gewisser Albert Denovali gelebt, der von dem altehrwürdigen Herrenhaus aus seine Firmengeschäfte abgewickelt hatte. Denovali war einer der letzten Großindustriellen der alten Schule gewesen. Sein Monopol im Bekleidungssektor war eine Zeitlang führend auf dem Markt, bis er herausgefunden hatte, dass seine zwölf Jahre jüngere Gattin sich nicht
nur auf einen Liebhaber einließ, sondern auch noch großangelegte
Industriespionage zulasten Denovalis betrieb. Denovali hatte kurzen Prozess gemacht, seine Frau vor die Tür gesetzt, seine Angelegenheiten testamentarisch so geregelt, dass der untreuen Dame nur noch die Kleider
blieben, die sie am Leibe trug und sich im Dachgebälk seines Hauses erhängt.
Ein würdevoller Abtritt, wie Benno befand, für seine Verhältnisse jedoch nicht sauber genug. Alleine die Vorstellung, dass man während des Erhängens seine Schließmuskeln nicht mehr unter Kontrolle hat, die Zunge
heraushängt und der Kopf blau anläuft, gefiel ihm überhaupt
nicht.
Auch andere Möglichkeiten des Suizids war Benno durchgegangen. Alles hatte er hinterfragt und war alsbald zu dem Entschluss gekommen, dass es nicht seinem Typus entsprach, als hässliche, aufgequollene, verunstaltete
Leiche aufgefunden zu werden. Daher musste er dafür Sorge tragen, dass von seinem Körper nichts übrig blieb. Nach genauer Kalkulation gab es nur zwei Möglichkeiten: Ein Säurebad - was jedoch aus organisatorischen
Gründen ausschied - oder sein aktuelles Vorhaben. Er würde das Haus betreten, sich an der Stelle aufhalten, wo die Sprengung am zerstörerischsten wüten sollte und abwarten.
Sah man einmal von der Warterei ab, wäre die Sache schnell vorüber. Bemerken würde Benno von seinem eigenen Tod nichts. Und es würde auch kein Fitzelchen von ihm übrigbleiben. Sein Körper würde in Millionen
kleinster Teile zerfetzt, und unter Tonnen von Schutt und Geröll begraben werden. Etwas Besseres konnte es doch gar nicht geben. Die
Möglichkeit, auf einem pathologischen Seziertisch zu landen, war damit auch passé und das Einzige, was man finden konnte, wären DNA-Spuren, sofern man überhaupt nach diesen suchen sollte.

Als er das Gebäude erreichte, war er zunächst enttäuscht. Es war das erste Mal, dass er das Grundstück persönlich betrat. Zuvor hatte er das Haus nur auf einer Fotografie gesehen, die zu Denovalis Lebzeiten geschossen
worden war. Nun, nicht Mal ein Vierteljahrhundert später war es ein schäbiger Anblick. Der Wildwuchs hatte deutlich zugenommen und verschiedenste Gräser, Moose und Flechten waren dabei, das Haus für sich zu erobern.
Bäume hatten ihr Laub über die Zufahrt gestreut und überhaupt erweckte das zugewucherte Grundstück den Eindruck, hier wäre nichts mehr zu holen. Die Bagger und Abrissbirnen standen bereit, und konnten rein theoretisch jeden Moment mit der Arbeit beginnen. Doch sonntags wurde nicht gearbeitet. Benno hatte die ganze Nacht Zeit, es sich in dem Haus gemütlich zu machen und sich auf seinen Tod vorzubereiten. Vielleicht würde er einschlafen. Dann wäre alles noch erträglicher für ihn.

Mühsam bestieg er die unkrautbewachsenen Stufen der Eingangsempore und blieb vor der messingbeschlagenen Tür aus dunklem Holz stehen. Grauschwarze Flechten hatten sich auf dem Türgriff gebildet. Benno vermutete eine Art Schimmelbefall.
In seiner Aktentasche suchte er nach dem Schlüssel. Als er ihn im Schloss herumdrehte, knirschte es verdächtig,doch schwang die Tür ohne Widerstand auf. Der Muff, der ihm entgegenschlug, roch nach Staub, Fäulnis und Moder, als hätte er das Grab eines Pharaos geöffnet.
Benno trat über die Schwelle, hinein in diffuses Dämmerlicht, in dem er nur die vagen Konturen des Inventars erahnen konnte. Als er seine Taschenlampe einschaltete, stellte er überraschend fest, dass die Einrichtung nahezu vollständig und intakt zu sein schien. Links von ihm befand sich eine weißlackierte Garderobe, an der sogar noch ein alter Mantel hing. Gegenüber wurde das Bild von einem mannshohen Spiegel reflektiert, der nur einen kleinen Sprung in der linken unteren Ecke aufwies. Verwundert ging Benno weiter. Hatte man das Haus nach Denovalis Ableben nicht leer geräumt? Wahrlich seltsam, dachte er, während er mit dem Strahl seiner
Taschenlampe die geschwungene Treppe hinauf in den ersten Stock entlangfuhr. Die Treppenstiege bestand aus marmornen Stufen und wirkte noch jetzt, nach dem vermeintlichen Verfall des Anwesens, wie frisch poliert. Einzig die daumendicke Staubschicht störte den Anblick. Doch sicherlich: Zum Putzen kam hier schon lange niemand mehr vorbei. Aber dass sich nicht einmal ein paar Obdachlose dieses bequeme Domizil ausgesucht hatten
oder gar eine Horde neugieriger Jugendlicher sich Zutritt in das Haus verschafft hatten, das verwunderte Benno, der ein zertrümmertes, kaltes Inneres erwartet hatte.
Obgleich die Szenerie unwirklich erschien, verspürte Benno keinerlei Furcht. Er hatte ohnehin nichts mehr zu verlieren. Es gab nichts, wovor er Angst haben könnte, obwohl das Dunkel und die Schatten nach ihm zu greifen
schienen.
Vorsichtig durchforschte er die anderen Räume. Im Erdgeschoss durchlief er eine voll ausgestattete Küche und entdeckte eine - zu seinem Erstaunen noch gut befüllte - Speisekammer. Nur bei den ehemaligen Frischwaren
hatte sich der Zustand gewandelt. Doch der Inhalt der Dosen und Gläser mit Eingemachtem war sicherlich noch genießbar.
Das geräumige Wohnzimmer lud trotz der Staubschichten, die sich auf den unverhüllten Polstermöbeln niedergelassen hatten, zum Verweilen ein. Spinnweben hatten sich um die Flaschen der gut bestückten Hausbar gelegt:
Bourbon, Cognac, Rum, schottischer Whiskey, und viele weitere Tropfen mochten den Liebhaber in Versuchung führen. Doch die Zeiten, in denen Benno sich zum Zwecke des Genusses hier niedergelassen hätte, waren schon lange vorbei. Die letzten Stunden seines Lebens wollte er nüchtern verbringen. Sauber - auch innerlich. Sollte man wider Erwarten doch seinen Leichnam bergen, würde er garantiert einer Autopsie unterzogen werden - und Benno wollte um keinen Preis, dass man aufgrund Alkoholgehalts
in seinem Blut Rückschlüsse auf seine Zurechnungsfähigkeit
machen würde.
Im ersten Stock befand sich neben einigen Schlafgemächern mit ordentlich hinterlassenen Betten und gefüllten Kleiderschränken das Arbeitszimmer des verblichenen Herrn Denovali und dessen herrschaftliches Bibliothekszimmer.
Der mit dunklen Wandtafeln verschalte Raum mit seinem in der Mitte wartenden Schreibtisch wirkte auf Benno wie das Vermächtnis alter Zeiten. Diesen Ort als Bittsteller zu betreten, musste für die Besucher erniedrigend
gewesen sein. Der mächtige Chefsessel war mit glänzenden Nieten versehen und Benno ließ sich darauf nieder. Hinter sich eine Wand aus dickleibigen Folianten und vor sich den Schreibtisch, auf den er seine Aktentasche
legte, lehnte er sich zurück und dachte über seine Beweggründe nach. Diese zu spezifizieren, war gar nicht so einfach. Benno wusste es tief in seinem Inneren, dass sich aufgrund einer ellenlangen Aneinanderreihung verschiedenster Geschehnisse und Schicksalsschläge ein Weiterleben
nicht mehr lohnte.
Da war zunächst die Tragödie seiner Geliebten. Ein schrecklicher Autounfall versetzte sie in ein Koma, aus dem sie nach eineinhalb Jahren nicht mehr erwachte. Von dem Baby, das sie in sich getragen hatte, erzählte man
ihm erst nach ihrem Tod. Nachdem er zugestimmt hatte, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten. Doch es wäre für Benno ein Leichtes gewesen, dies als einzigen Grund für seine Selbstmordgedanken anzugeben. Hinzu kam jedoch die finanzielle Lage, in die er sich mit seinem
Privatvermögen gewirtschaftet hatte: Schulden im sechsstelligen Bereich. Den Rest seines Lebens würde er da nicht mehr herauskommen, obwohl er einen wirklich gut bezahlten Job hatte. Was das Fass aber endgültig zum
Überlaufen gebracht hatte, war die Erniedrigung der letzten Wochen. Jemand hatte ihn gefilmt, wie er auf einer Waldlichtung masturbiert hatte, und den Film auf einer einschlägigen Internetplattform onlinegestellt. Das
Ergebnis eines spontanen Bedürfnisses, das ihn während eines Spaziergangs überkommen hatte. Es hatte nicht allzu lange gedauert, bis das Video unter seinen Kollegen und Geschäftspartnern herumgereicht wurde. All die Verleumdungen und beschämenden Kommentare hatten ihn
nunmehr hierher getrieben.

Benno blickte auf die Uhr. Bis zur Sprengung des Gebäudes blieben ihm noch sieben Stunden. Sein Plan war es, eine Henkersmahlzeit zu sich zu nehmen, die er sich mitgebracht hatte, und sich danach eine kuschelige
Ecke irgendwo im Keller zu suchen. Davor jedoch würde er seine Geschichte niederschreiben. Einfach nur so, für sich. Es war ein Spontanentschluss, der ihn soeben erst ereilt hatte. Das Schreiben soll ja auch therapeutische
Wirkung haben und so würde es ihn nur in seinem Vorhaben bestärken. Es war richtig, aus dem Leben zu treten. Die Hintergründe niederzuschreiben wäre zudem ein netter Zeitvertreib.
Er öffnete die Schubladen des Schreibtisches und suchte nach Schreibmaterialien. Er fand tatsächlich einen Block karierten Papiers, legte ihn vor sich und schlug die Deckpappe auf. Der Block war beschrieben. Benno wollte schon weiterblättern, als sein Blick doch noch an
der Handschrift Denovalis haften blieb:

Schon wieder kann ich es hören. Dieses nervtötende Klopfen,
begleitet von abstoßendem Schmatzen. Die wievielte Nacht ist dies
nun der Fall? Längst habe ich aufgehört zu zählen. Die Geräusche
begleiten mein Leben. Jede Nacht. Stets zu mitternächtlicher
Stunde. Doch seit heute weiß ich endlich, was die Geräusche verursacht.
Über dieses Wissen werde ich mir nun Gewissheit verschaffen.
Und mit der Unzweifelhaftigkeit im Nacken werde ich entweder
meinem Leben ein Ende setzen, oder aber ES wird dies für
mich tun.


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