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Aus dem Buch: Daniel Schenkel - Die bleiche Maske - (Auswahlband)
 
Zimmer 218b der Universitätsklinik, Abteilung Innere Medizin, war für den Mann im Jackett und dem schütteren Haar der schlimmste Ort der Welt. Camilla lag dort in ihrem Bett, bleich und reglos und dennoch lebendig. Ihre Augen waren geöffnet, starrten zur Decke, ihr Atem ging flach, aber regelmäßig, manchmal rann ein Speichelfaden aus ihrem Mundwinkel. Sie rührte sich nicht, sprach nicht. Wenn ihr eine Schwester oder ein Pfleger einen Löffel mit Brei zwischen die Lippen schob, schluckte sie. Wenn man ihr mit einem Plastikbecher Wasser oder Tee einflößte, trank sie. Das war alles.
Die Ärzte machten Simon Kernouc, dem Mann im Jackett, wenig Hoffnung.
"Komatöse Zustände können Jahre anhalten, manchmal Jahrzehnte", hatte ein Chefarzt gesagt.
Es gab Hinweise auf schwere Hirnschäden aufgrund von Sauerstoffmangel. Selbst wenn seine Geliebte jemals wieder aufwachen sollte ? Simon zwang sich, nicht daran zu denken. Er wollte überhaupt nicht nachdenken.
Fast jeden zweiten oder dritten Tag besuchte er sie. Anfangs hatte er noch mit ihr geredet, hatte sie berührt, ihr den Kopf gestreichelt. Eine Reaktion war nie erfolgt. Simon hätte neben Camillas Bett eine Kanone abfeuern können, sie hätte weiterhin teilnahmslos dagelegen.
Mittlerweile tat er nichts mehr. Gewöhnlich nahm er sich einen der weißen Klappstühle für Besucher, stellte ihn an das Bett und verbrachte eine gute halbe Stunde damit, Camilla anzusehen. Und nein, er wollte nicht nachdenken, durfte nicht nachdenken, weil sich dann ein Schwarzes Loch öffnen würde, ein Strudel, der ihn unweigerlich verschlingen musste.
Camilla hatte ein Einzelzimmer. Im Raum war es still. Über dem Bett hing ein LCD Fernseher, aber was hätte es schon genutzt, ihn einzuschalten? Simon erinnerte sich an den Tag, an dem er die Geliebte gefunden hatte, ausgestreckt auf dem Boden, Erbrochenes am Kinn, zwei leere Pillenschachteln und eine ebenfalls leere Flasche Wodka neben sich.
Sie hatte nur ein weißes Höschen getragen, ihre Brustwarzen waren hart gewesen und hatten spitz abgestanden. Vielleicht hatte die Aussicht auf den Tod sie erregt, wer konnte das schon sagen? Kein Abschiedsbrief, keine Begründung, nichts. Nur endloses Schweigen wie jetzt auch.
Eine einzelne Träne lief über Simons Wange. Nach seiner Uhr war es fast schon neun. Er stand auf und überlegte, ob er Camilla zum Abschied auf die Stirn küssen sollte, ließ es dann jedoch bleiben. Es wäre ihm wie eine Entweihung dieser nach Desinfektionsmitteln riechenden Gruft vorgekommen.
Auf dem Gang vor dem Zimmer hastete eine Schwester an Simon vorüber, das Gesicht fest geradeaus gerichtet. Eine Durchsage verlangte quäkend einen Professor Brockmüller auf Station 12c.
In der Nähe der Fahrstühle betrat er eine Besuchertoilette. Am Waschbecken des weißgekachelten Raumes ließ Simon sich kaltes Wasser über das Gesicht laufen.
Im Schein der Neonleuchte blickte ihm aus dem Spiegel ein blasses Gesicht mit eingefallenen Wangen und tiefen Augenringen entgegen. Simon hatte Kopfschmerzen und fühlte sich fiebrig. Sicher war er krank oder würde es bald werden.
"Sieht gar nicht gut aus", hörte er eine heisere Stimme sagen.
Er fuhr zusammen, drehte sich um, sah aber niemanden.
Der Sprecher musste in einer der geschlossenen Toilettenkabinen sitzen.
"Die Prinzessin schläft und wenn nichts geschieht, wacht sie vielleicht nie wieder auf." Die Reibeisenstimme kicherte und hustete anschließend.
"Was soll das?", rief Simon. Der Besitzer der kaputten Stimme schien Camilla zu meinen. Aber wie konnte das sein und was dachte sich dieser Kerl eigentlich?
Statt einer Antwort hörte Simon das Rauschen einer Spülung. Die Tür einer Toilettenkabine öffnete sich und gab den Blick auf einen Mann frei, dem der verfilzte Bart bis über die Brust hing. Narben und Furunkel bedeckten sein Gesicht und entstellten es zur Fratze. Er trug einen verfleckten langen Mantel, dessen ursprüngliche Farbe nicht einmal mehr zu erahnen war. In seinem schulterlangen Haar nisteten anscheinend regelmäßig Vögel.
"Sie schläft und schläft und träumt und träumt", sagte der Penner. "Vom schattenhaften Carcosa träumt sie und von den zwei Sonnen, die über dem See Hali stehen und von den Gesängen der Hyaden."
Er kicherte wieder und krümmte sich gleich darauf in einem neuerlichen Hustenanfall.
Simon ging rückwärts zur Tür, ließ die unheimliche Gestalt, die keuchte, röchelte und spuckte, nicht aus den Augen. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Die Verkommenheit dieses Mannes und seine seltsamen Worte jagten ihm kalte Schauer über den Rücken.
Er erreichte die Tür und riss sie auf.
"Er kennt dich bereits. Er hat dein Gesicht gesehen", schrie ihm der Penner nach. Simon stolperte in den Gang. Hinter ihm fiel die Tür zu und schnitt alle weiteren Worte des Mannes ab.
Simon wischte sich den Schweiß von der Stirn und schüttelte den Kopf. Seine Hände zitterten. In dem nüchternen, grauweißen Klinikgang erschien ihm das gerade Erlebte wie ein absurder Albtraum.
Carcosa? Hali? Hyaden?
Was für wirres Gestammel. Hatte er dergleichen schon einmal gehört? Sicher nicht. Und trotzdem brachten die Worte etwas in ihm zum Klingen. Etwas, über das er vielleicht einmal gelesen oder von dem er schon einmal gehört hatte.
Simon hielt einen vorbeieilenden Pfleger an.
"Da ist jemand auf der Toilette", sagte er.
"Ja und?" Der Pfleger war anscheinend in Eile und ärgerte sich, aufgehalten zu werden. Er hatte eine spiegelnde Glatze und kaum Augenbrauen, was ihn wie den Bruder von Meister Proper aussehen ließ.
"Der Mann da drin ist betrunken und belästigt Leute", sagte Simon. "Jemand sollte sich darum kümmern."
Meister Propers Bruder seufzte, zuckte dann die Schultern. "Na gut, ich seh? mal nach."
Er öffnete die Tür und betrat die Toilette. Simon folgte dicht hinter ihm.
In dem Raum war es still. Die Kabinentüren standen
alle offen und niemand war zu sehen. Bruder Proper drehte sich zu Simon und musterte ihn wortlos von oben bis unten. Simon verkniff sich ein Gerade war er noch da, das wäre zu abgedroschen und dumm gewesen. Stattdessen zuckte er ebenfalls die Schultern. Was hätte er sonst auch tun sollen? Die Tür war der einzige Ausgang, der Raum hatte nicht einmal ein Fenster.
"Ich hab wirklich zu tun", brummte Bruder Proper.
Er schob sich an Simon vorbei zur Tür hinaus. Simon
blieb noch eine Weile in der Toilette stehen, als erwarte er, dass der Penner seinen hässlichen Schädel aus der Kloschüssel strecke, um ihm eine lange Nase zu drehen.
Aber in dem Raum blieb es still und weiß und das einzige Geräusch war das schwache Summen der Neonlampe.
Schließlich verließ auch Simon die Toilette. Auf dem Weg zum Ausgang suchte er nach einer Erklärung für das gerade Erlebte und fand keine. Der Penner war wie ein Geist verschwunden.
Hatte Simon halluziniert?
Kaum vorstellbar. Nicht er! Er nahm keine Drogen und trank sehr wenig Alkohol. Stress? Das wäre möglich, aber warum sollte sein Verstand so dummes Zeug ausspucken?
Draußen war es bereits dunkel und feiner Nieselregen fiel, als Simon über den Parkplatz zu seinem Auto ging. Er musste morgen arbeiten, sein Seminar halten, aber er wollte nicht nach Hause, jetzt noch nicht. Er würde Tessie besuchen.
Ja, das war eine gute Idee.
Tessie lebte in einer der zwanzigstöckigen Mietskasernen am Stadtrand in Hafennähe. Keine gute Gegend. Die Zeitung berichtete häufig über Schlägereien und Drogenkriminalität; die Stadtverwaltung hatte längst Sozialprogramme versprochen, aber es war nie etwas geschehen und so verkam das Viertel jedes Jahr ein bisschen mehr.
Simon stellte sein Auto in einer Parklücke direkt vor Tessies Haus ab und hoffte, dass das Fahrzeug nicht neu und schick genug war, um das Interesse jugendlicher Autoknacker auf sich zu ziehen. Im Fahrstuhl umfing ihn eine Geruchsmischung aus Urin, ranzigem Schweiß und etwas Undefinierbarem, das entfernt an nassen Hund denken ließ.
Die Schmierereien zeigten Penisse und ausgestreckte Mittelfinger, daneben standen Sprüche gekritzelt, die er in dem schwachen Licht nicht lesen konnte. Im Flur erklangen aus irgendeiner der Wohnungen dröhnende Bässe, vermischt mit unverständlichen Lauten, bei denen es sich um eine Streiterei handeln mochte.
Simon betätigte die Klingel an Tessies Wohnungstür und wartete. Tessie öffnete erst nach einigen Minuten.
Sie trug einen Bademantel und gähnte.
"Ach du bist?s", sagte sie. "Wolltest du nicht vorher anrufen?"
"Tut mit leid", antwortete er. "Kann ich reinkommen?"
"Ich hab nicht aufgeräumt."
Er versuchte, über ihre Schulter zu sehen. "Hast du jemanden da? Ist es das?"
Sie zögerte, dann schüttelte sie den Kopf. "Nein, niemand ist da."
Simon war bisher nie einem ihrer anderen Kunden begegnet, was er Tessie hoch anrechnete. Anscheinend legte sie ihre Termine ziemlich geschickt.
"Also, kann ich reinkommen?"
"Okay." Sie nickte schwach.
Er ging zielstrebig ins Wohnzimmer und ließ sich in den alten Ohrensessel fallen. Der Fernseher lief, zeigte irgendeine Schmonzette über Leute auf einem Kreuzfahrtschiff.
Tessie kam ihm hinterher. "Du warst wieder bei Camilla oder?"
"Ja", sagte Simon nur.
"Wie geht?s ihr?"
Simon gab keine Antwort. Was hätte er auch sagen sollen und was ging das Tessie an? Sie bohrte nicht weiter nach, schien ihn zu verstehen.
"Willst du was trinken", fragte sie.
"Ja."
"Was denn?"
"Egal, was."
Sie verschwand in der Küche. Die quäkenden Stimmen aus dem Fernseher gingen Simon auf die Nerven, deshalb nahm er die Fernbedienung vom Couchtisch und stellte auf stumm. Die Bilder wurden zu einer tonlosen Farce, deren Akteure scheinbar motivationslos umherliefen und albern die Hände bewegten. Auf dem Tisch lag auch eine aktuelle Tageszeitung. Eine Schlagzeile verkündete in Großbuchstaben:
KINDESENTFÜHRUNGEN. POLIZEI TAPPT
NOCH IMMER IM DUNKELN.

Tessie kam aus der Küche und stellte ein Glas mit roter Flüssigkeit vor Simon. Dem Geruch nach war es Wein.
"Ist schon schlimm", sagte sie.
"Was denn?"
"Das mit den Kindern."
Soweit Simon wusste, hatte es bisher acht Entführungen gegeben: Jungen und Mädchen zwischen sechs und acht Jahren, meistens auf dem Schulweg verschwunden, aber ein Kind war sogar aus dem Haus der Eltern geraubt worden.
"Schätze schon", sagte Simon.
Tessie schnaubte.
"Das ist aber ganz sicher schlimm, würde ich sagen."
"Wahrscheinlich, ja."
"Ist schon gut." Sie zuckte die Schultern, gab auf.
"Wollen wir ins Schlafzimmer?"
Simon nahm einen großen Schluck aus dem Glas. Natürlich.
Schlafzimmer.
Deswegen war er hier. Aber trotzdem wollte er nicht aufstehen, jedenfalls jetzt noch nicht, ihm war einfach nicht danach.
"Hab im Krankenhaus jemanden getroffen", sagte er.
"Einen ziemlich komischen Kerl."
"Einen Arzt?"
Simon hätte sich fast an seinem Wein verschluckt. Dieser Gedanke in Verbindung mit dem abgewrackten Penner war zu merkwürdig.
"Nein, kein Arzt, einen komischen Kerl einfach, weiß gar nicht, was der da verloren hatte."
"Dann war das ein Patient?"
"Nein, glaube ich nicht", sagte Simon langsam und fragte sich, was dieser Stadtstreicher im Krankenhaus
eigentlich verloren hatte. Vielleicht hatte der Obdachlose sich nur aufwärmen wollen? Aber warum dann auf der Toilette im achten Stock des Gebäudes?
"Ich habe keine Ahnung, was der Kerl war."
Er kennt dich bereits.
Ohne zu wissen warum, schauderte Simon.
"Ist schon gut." Er winkte ab. "Gehen wir ins Schlafzimmer, okay?"
Tessie gestattete sich ein schiefes Grinsen.
"Irgendwie habe ich auf diesen Satz gewartet."
Sie küssten sich nicht, nicht bevor sie gemeinsam auf dem Bett lagen und sich gegenseitig entkleideten. Tessies Hände lagen auf Simons Brust, ihr Atem strich über sein Gesicht und er spürte die Wärme ihres Schoßes in seinem.
Dennoch gingen ihm die Worte des zerlumpten Mannes nicht aus dem Kopf. Hallten als Endlosschleife in seinem Geist wider, wie Musik einer zerkratzten Schallplatte, bei der die Nadel immer an derselben Stelle hängenbleibt.
Sie schläft und schläft und träumt und träumt. Vom schattenhaften Carcosa träumt sie und von den zwei Sonnen die über dem See Hali stehen und von den Gesängen der Hyaden.
Als Simon nach dem Akt erschöpft neben Tessie einschlummerte, klangen diese Sätze durch die Schwärze seiner Träume. Eine Drohung, eine unheilvolle Prophezeiung, die den Nachtmahren Nahrung bot.


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