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Aus dem Buch: Dieter K├Ânig - Sarturia┬«-Autorenschule - Marsianer-Sonderausgabe
 
30. Vortrag - Griffige Redewendungen

Es ist ein alter Hut: Neue Besen kehren gut. Aber lasst euch nicht die Pferde ausspannen, denn es ist noch nicht aller Tage Abend. Und besser, gut gelaufen, als schlecht gefahren. Aber was du heute kannst besorgen ...!

Kennt ihr solche Redewendungen? Ja? Benützt ihr sie auch beim Schreiben? Nein ...? Tja, warum denn nicht? Sie sind eine bewährte Methode, dem Leser einen umfassenden Begriff von einer Sache zu vermitteln, ohne sich in mehreren Dutzend Sätzen zu verlieren.

Beispiel:
Er griff nach dem Schürhaken, der vom Feuer ganz heiß geworden war und verbrannte sich dabei die Finger. Das verursachte ihm große Schmerzen.
Redewendung:
Er griff nach dem heißen Schürhaken, das brannte wie die Hölle

Oder Beispiel:
Der Kerl war bemerkenswert unintelligent, was allerdings nur den anderen auffiel.
Redewendung:
Der Kerl war dumm wie Bohnenstroh und merkte es nicht mal.

Noch ein Beispiel:
Er lenkte seinen Wagen auf die Straße und fuhr diese mit solcher Geschwindigkeit hinunter, dass die Passanten sich nur durch rasche Sprünge rückwärts aus der Gefahrenzone bringen konnten.
Redewendung:
Er raste die Straße hinunter wie eine angesengte Sau; die Passanten flüchteten wie die Hasen.

Natürlich schreibt in Wirklichkeit kaum einer so, wie in den Beispielen angeprangert ist, denn unbewusst schleichen sich von alleine ein paar Redewendungen ein, ob man will oder nicht, und das macht den Text für den Leser natürlich intuitiv erkennbar .

Das ist übrigens eine ganz interessante Sache, das mit dem intuitiven Erkennen. Wir sollten darüber Bescheid wissen, wenn wir den Leser mit unserer Schreibe richtig beeindrucken wollen:

Bestimmt habt ihr schon mal das Bild von Albert Einstein gesehen, auf dem er die Zunge herausstreckt. Viele wissen auch, dass das Bild digital in immer gröbere Quadrate zerlegt worden ist, um zu beweisen, dass das menschliche Gehirn auch aus äußerst mangelhaften Informationen ein richtiges Bild gewinnen kann. Man schaut auf eine Auswahl unterschiedlich grauer Quadrate und sieht Albert Einstein.

Toll, nicht?

Wir brauchen gar nicht erst zu vermuten, dass diese Fähigkeit beim Lesen von Texten ausgeschaltet wäre. Natürlich arbeitet sie. Und wie! Je geübter der Leser ist, desto leichter erfasst er ganze Wortgruppen auf einmal. Er braucht die einzelnen Worte gar nicht zu lesen, er überfliegt den ganzen Text, nimmt einzelne Worte wahr, bringt sie in einen Zusammenhang und lässt das dazugehörige Bild in seinem Kopf entstehen.

Leseratte, damals unser jüngstes Mitglied, hat an einem einzigen Nachmittag eine komplette Anthologie ausgelesen und mit mir noch über Dinge diskutiert, die sie an unserer Stelle anders geschrieben hätte. Glaubt ja nicht, dass sie jedes einzelne Wort in Augenschein genommen hätte.

Zu jener Zeit war sie übrigens gerade mal zehn Jahre alt. Aber sie war damals schon eine ausgesprochene Vielleserin. Wer sie live erleben will: Über YouTube kommt man auf den Clip der Bonner Lesung:
http://www.youtube.com/watch?v=MQnwYGdXnsY

Ein ähnlicher Effekt ist der, dass nicht alle Buchstaben vorhanden sein müssen, um einen Text zu verstehen.

Beispiel:
Herr Maier füxxtx seinxx Hund Gassi, dabei begexxxx ex seinxx Nachbxxin, die ebenxxxxx ihren Hxxx Gassi fxxxxx.

Es ist nicht genau das, was passiert, wenn ein Schnellleser über eine gedruckte Seite fliegt, aber man kann sich anhand des Beispiels etwa vorstellen, was vor sich geht. Das Gehirn des Menschen arbeitet in großen Bereichen absolut autonom, ohne dass es sich von der Person bewusst steuern ließe. Man kann diese Bereiche jedoch trainieren. Und das tut der Vielleser automatisch. Deshalb ist es für einen engagierten Schriftsteller ein schwerwiegender Fehler, eine Todsünde gar, diese Gegebenheiten außer Acht zu lassen.

Es gibt eine elegante Methode, dem schnellen Leser und allen anderen Literaturfreunden den Weg zu ebnen. Wir können ihre Lesekutsche auf Schienen heben, damit es glatt und rasch vorwärts geht und sie die Fahrt genießen können. Das machen wir in diesem Fall mit Redewendungen. Jeder kennt sie, hat sie oft genug gehört, oft genug selbst gebraucht und - für uns das Wichtigste - er hat sie oft genug gelesen. Und das ist die Chance für einen schlauen, mit allen Wassern gewaschenen Schriftsteller.

Also nicht gleich das Kind mit dem Bad ausschütten, denn, kommt Zeit, kommt Rat. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und es heißt auch nicht Vogel friss oder stirb. Aber stetiger Tropfen höhlt den Stein, und alle Wege führen nach Rom. Drum auf in den Kampf. Was du heut nicht kannst besorgen, das verschieb getrost ...

Hoppla, jetzt habe ich mich irgendwie vertan ...!

Spaß beiseite: Wenn man Redewendungen sinnvoll einsetzt, sind sie das Schmiermittel an den Achsen unseres Schnellzugs. Wer will, kann sich ein Lexikon mit Redewendungen anschaffen und jeden Tag ein paar nachschlagen. Auf Dauer prägen sie sich ein und man wird Meister in ihrer Anwendung.

Aber das ist natürlich noch längst nicht alles zu diesem Thema. Denn selbst wenn ein Satz überhaupt keine Redewendung enthält, arbeiten dieselben Gesetzmäßigkeiten. Wie oft hat sich jeder von uns schon mal über einen kurios klingenden Satz gewundert. Im Internet gibt es auf einschlägigen Seiten jede Menge Schaustücke zu finden.

Beispielsweise fotografierte ein User, wie jemand mit Kreide auf einer großen Schiefertafel kritzelte: "Wegen Zu geschlossen".

Klar, man kann trotz allem verstehen was der Autor dieses Satzes gemeint hat. Aber stellt euch mal vor, wir würden in unserem Skript mit solchen Sätzen arbeiten. Das würde uns sogar der ungeübteste aller Leser übel nehmen. Das bedeutet für uns, dass der Satzaufbau jedes einzelnen Satzes einem gewissen Schema folgen muss, wenn er vom Leser akzeptiert werden will. Und diese Schemata sollten wir uns unbedingt aneignen.

Gut, wir haben bereits in der Schule gelernt wie man einen Satz aufbaut. Das ist nichts Neues; das weiß jeder. Aber nicht jeder schreibt Bücher und noch weniger schreiben Bestseller. Also kann man möglicherweise mehr tun, als das, was wir in der Schule gelernt haben. Unsere Texte müssen nämlich leben, müssen Gefühle transportieren, müssen den Leser packen.

Beispiel Eins:
Er schulterte seinen Bogen und machte sich auf, den Wald zu durchqueren, der von finsteren Gestalten nur so wimmelte. Als er angegriffen wurde, erledigte er zwei mit Pfeilen. Den größten jedoch musste er mit der Faust zu Boden schlagen.

Im Buch:
Horch! Waren das nicht wieder diese finsteren Gestalten, in Lumpen gekleidet, gebückt, die krummen Messer hinter dem Rücken verborgen? Da! Rascheln im Gebüsch. Der Wald schien voll von abstrusem Gelichter. Rasch, aber mit Bedacht, hängte Prinz Morgan sich den Bogen um. Er musste durch den Wald, komme was wolle. Festen Schrittes folgte er dem Pfad, die Augen wachsam überall. Da waren sie: Zwei Unholde, wie aus finsteren Alpträumen, die Messer vorgereckt, bereit zu töten. Schneller als irgendein Mensch mit den Augen folgen konnte, hatte der Prinz den Bogen in der Hand, den Pfeil eingelegt und die Sehne gespannt. Sein Pfeil traf den ersten der Heranstürmenden mitten in die Brust. Doch was war das? Er stürzte nicht zu Boden. Er rannte weiter. Schon hatte der Prinz den zweiten Pfeil auf der Sehne, da, endlich, strauchelte der Getroffene, verhielt seinen Lauf und brach schließlich mit weit aufgerissenen Augen zusammen. Aus seinem Rücken konnte man die blutige Pfeilspitze des Prinzen ragen sehen ... und so weiter.

Das erste nenne ich persönlich eine Erzählung, das zweite ist für mich eine bildliche Darstellung desselben Geschehens. Ich bin sicher, dass ein Liebhaber spannender Abenteuergeschichten aus dem zweiten Beispiel weit mehr Lesegenuss schöpft, als aus dem ersten.

Deshalb mein Tipp an alle Autoren von Abenteuerromanen: Vermeidet das bloße Erzählen wo es nur geht und strickt daraus die bildliche Darstellung einer spannenden Handlung. Der Leser dankt es euch, indem er Hinz und Kunz erzählt, sie müssten sich euer Buch unbedingt ebenfalls kaufen.

So, nun schaut bitte wieder bei den Bestsellerautoren nach, wie sie mit Erzählung kontra bildlicher Darstellung umgegangen sind. Schaut vor allem, was sich besser liest und probiert es selber aus. Es ist nicht schwer. Im Gegenteil: Es macht unheimlich viel Laune! Und gute Laune wünsche ich euch bis zum nächsten Vortrag, in dem es wieder darum geht, den Leser zu packen und nicht mehr loszulassen, bis er die letzte Seite unseres Buchs umblättert.


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